Schreibwerkstatt

Werner


Der Bodensee                                                  

 

Wie viele Gedanken

hast du,

See,

schon abgerungen

deinen Gästen? 

 

Wie viele Wünsche

hast du,

See,

gesammelt auf

deinem Grund?

 

Wie viele Sehnsüchte

hast du,

See,

untergehen lassen,

am Horizont?

 

Wie viele Fragen

hast du,

See,

unbeantwortet gelassen

in schwarzen Nächten?

 

Wie viele Male

hast du dir,

See,

dir wieder Platz gemacht,

über dein Ufer schwappend?




Im März das Haus im Garten am Bach

 

Schon verpaarte Grünfinken

machen Platz

im Astwerk der

noch lichten Linde

einem klopfend

umherstreifenden Buntspechtpaar

und denen folgen

zwitschernd sich versichernd

verliebte Blaumeisen -

alle vom Frühling getrieben.

 

Doch im Mühlbach

darunter

eine Forelle

im noch winterlich

kalten Fließgewässer steht.

Nichts deutet darin dort

hin - auf Frühling.

Ich bekomme beim Hinsehen

schon einen Schnupfen

und ist nach einem warmen Tee.




November-Wochenanfang


Mit sich mir

verblassender Erinnerung an

herbstlich, sammelnder,

lautstark korrespondierender

Graugänse gestern

am See,


fahre ich heute

hinein mit

geputzter Brille in

den mich wieder

vereinnahmenden, urbanen

Arbeits-Alltag;


und der hoch darüber

weiter fliegende,

fliehende Vogelzug

bleibt mir verborgen -

die kreischende Stadt

mich verschluckt.




Ein Sommerkleid


ein warmer wind

die haut berührt

verströmt aus tausend quellen:

dem neuen tag

dem vis à vis

den tönen

und dem licht

den farben

düften

und gedanken

festhalten geht nicht

jetzt, hier, heute

ein sommerkleid

gepunktet, bunt

streift sich mir über




Sommermorgen


Helligkeit schwappt

Über die Ränder der Nacht

Begleitet

Von Vogelgeplapper

Der Vorhang fällt

Die aufgehende Sonne

Ihren Reißverschluss

Öffnet

Für den neuen Tag

Das fast vergessene Gestern




See peripher       


Am Spülsaum

Myriaden von weißen

Schneckenhäuschen,

nach ihrem letzten Tauchgang,

durch ans Ufer

schlagende Bugwellen

in der Brandung

rieselnd rollen.

 

Den unweit

dösenden Haubentaucher

nicht stören - wecken.

Muschelsammler suchen,

während Jogger

zer-tretend

alles werden lassen

wieder zu Staub.

 



Frühlingsseegang


Auf asphaltiertem Grau

geschreddertem Beige


Quadriertem Sand

in grünen Flächen


Spiegelndes Nass

unter hölzerner Brücke


Balzende Taucher

gehaubt


Gelb stäubende Weiden

sich grüßende Gänger


Gepaarte Gänse, Enten

noch ohne Brut


Durch den fliegerdurchstreiften Himmel

die Wärme der Sonne herab fällt


Nichts geht verloren -

Fotosynthese


Ein Wachsen

bis hin blau, gelb, weiß beblütet


Singvögel und Krächzer

musikalisch untermalen


Die Welt sich lustvoll darin badet -

beatmet




Im Zug-Bistro nach Leipzig auf die Buchmesse


Gesilberte Reiher

Verschmähen das

Aufgebackene Croissant

Im Ex-Niemandsland

Des Kalten Krieges

Wohlstandsgepeppt

Der unberührten Natur

Das Wasser nicht reichend

Ist viel zu kalt

Zum Allerweltskaffee

Die Landschaft

Vom roten Polster

Kinoleinwandig breit

Röhrende Hirsche hörend meinend

Sieben-Zwerge-Land

Schneewittchenverschlafen

Links von mir

Die erzählte Biographie

Eines

langt für zwei Leben

Dem Vis-à-vis

Um die Ohren gehaut  - gekotzt

Rechts

Eine Erbschaft

wird bewertet und verteilt

Privates

Dem öffentlichen Ohr zugemutet

An der Saale hellem Strande

Schiefergedeckt

In Sandstein wechselnd

Sachsen zu




Im in Eiseskälte erstarrten Januar -  ein Sonnenuntergang


Heute

Mich an ein Gemälde

Monet's erinnernd

Hinter eiskalter Luft

Undurchdringlich

Weißgrau

Ein roter Ball

Hindurchscheint

Verabschiedend

Versinkend

In den nahenden Horizont 

Glühend

Alles

Was Orangerot sein kann

In Worte dürftig

Kaum

Nicht zu fassen

Bildschön




Jahreswechsel


Ein weißgetünchtes,

alles ist verschneit,

neues Jahr,

liegt,

als leeres Blatt,

noch unbeschrieben,

vor mir -

dankbar,

das alte verabschiedet.


Respekt

und Zaghaftigkeit

halten mich noch gefangen,

bis wohl

eine Anzahl

darin

hinein gelebter Tage

mich wieder

mutiger werden lassen. 




Frankfurt im September


draußen

vor der stadt

ihr blasses lila schon zeigen

herbstzeitlose


in den klimatisierten bürotürmen

drinnen

die jahreszeiten

nicht existieren


wie am schnürchen

himmelsclipper fraport anfliegen

sich entleeren und wieder befüllen

nach, wer weiß wohin


die spitze des doms

nicht mal die nabel kitzeln

der ihn umzingelnden

verglasten stifte


vertikal ragend

ins dunstige blau

der rushhour

geschuldet


horizontal davor

unbeeindruckt fließend

der main richtung rhein

zwischen promenaden


business, contra drugs

user, und verlierer

frankfurt verteilt, verwaltet und kostet

zahlen mit zig nullen und mehr


äbbelwoi und handkäs

mit, und ohne

gehören zum kulinarischen muss

j.w.v.g. hätte seine freude


manches bleibt

zwischen dem boomenden treiben

also doch, auch in der stadt

im herbst zeitloses







Ins Gästebuch unserer Gastgeber, Harry Trautmann  und dessen Frau, am

  27. August 2016 geschriebene Zeilen:


Traut-man(n) seinen Augen,

so sieht man durch einen Schlitz,

neben dem Rollo des Schlafzimmers,

im Haus an der Litz,

schon morgens die Gipfel der Berge.



Harry, nicht der Prinz of Wales,

nein, der vom Haus an der Litz,

hat mehr Königinnen um sich,

als jener –

und kümmert sich rührend um diese.

Sind Bienen, die er betüttelt.

Mit bernsteinfarbenem Gebirgswiesenhonig

sie’s ihm danken.

Und uns das Frühstück damit wurde versüßt.




Paarungszeit


Wolkenloser Himmel,

schon am frühen Morgen.

Was machen wir? -

wir gehen baden.


Die halbe Stadt

nichts anderes denkt.

Wir fahren im Stau

Stoßstange an Stoßstange.


Die Hitze wird unerträglich,

und die Klimaanlage lässt

ihre Arbeit abtropfen

auf den glühenden Asphalt.


Endlich am Ziel

auf dem Parkplatz am See.

Die schattenspendenden Bäume

sind längst schon umstellt.


Egal, nur schnell raus,

die Badelatschen an.

Folgend den anderen,

die kennen den Weg.


Die Wiese am Wasser

einer Vogelkolonie gleicht.

Keine Pinguine,

sondern intelligente Menschen. 


Unter beobachtenden Blicken

ein Stück Land wir finden.

Meinend das Beste

am Ufer, am Strand.


Wir liegen noch gar nicht,

schweißgebadet,

da kommt schon eine -

nein, zwei, drei, vier.


Und saugen mit ihren

angedoggten Rüsseln

wo’s irgendwie geht

schmerzhafte Quaddeln.


Stechmückenweibchen

die Liegewiese beherrschen.

Wahllos dolchend,

unsere Körper stechend.


Es ist Paarungszeit

mit schrillem Gesummse.

Der See gehört ihnen -

sie haben die Macht.


Wir suchen das Weite

weit weg vom See.

Können aufatmen -

lecken die Wunden.


Der Tag ist gelaufen

schade drum.

Uns wünschend, kratzend,

dass der Juckreiz abebbt.




Endlich Sommer!


Wenn vor dem Bistro

von Schirmen beschattet

französische Chansons

in einen Café au Lait sich ertränken,


wenn sommergästige Mauersegler

hoch über den schluchtigen Gassen

ihre Aufzucht präsentieren

pfeilschnell, freiheitsliebend,


wenn bereits abblühende Linden

einen Rest ihres Duftes

ins Blau

hineinlegen, betörend,


wenn der Siebenschläfer wieder

unsere Blicke an den Himmel lenkt

und die Antwort lautet:

„geschafft, es bleibt trocken“,


wenn endlich

sich erwärmende Gelassenheit

in Sommerkleidern und lackierten Nägel offen zeigen

und sogar sockentragende Männerfüße in Sandalen,


dann ist Sommer in der Stadt.




40. Hochzeitstag


In unserer Zweisamkeit

haben wir addiert,

subtrahiert,

dividiert,

und die Ergebnisse

multipliziert -

summa summarum,

bis heute.


Zu nüchtern? - Logik einer Ehe.




Urlaubsreise


Das Gummiband an noch Daheim

nicht überdehnen.

Durchschneiden -

wegdenken das Gestern.

Sich Flügel wachsen,

forttragen lassen,

in gleißendes Licht.

Auftauchen aus den Untiefen.

des Fernwehs.

Die Wassertropfen abschütteln und

ins Neue hineingehen.




(Un)heimlich


Entlang der vertikalen Linien,

in den Himmel ragender,

kahler, grauer

Buchenstämme,

zeigen sich,

wie aus dem Nichts,

horizontal schwebende,

hellgrüne Blattgeburten,

das Dazwischen färbend.


Und dann,

übermorgen,

in einer sich

anschließenden

Eruption,

wird die Melancholie

des Winters

sattgrün

  übermalt sein.




Bis ans Meer


Aalen am Kocher,

der durch die Stadt fließt.

Ein Graureiher entlang

Patrouille fliegt.


Ein Entenpaar

sich am Ufer liebt,

beobachtet von einem

andern Erpelmann.


Die Menschen in der Stadt

nehmen kaum Notiz,

vom Kocher,

da dieser oft eingetunnelt.


Klar strömt er,

Forellen drin sichtbar,

Aale früher auch,

bis in den Neckar.


Und über den Rhein,

bei Rotterdam

in Niederlande,

ins weite Meer.


Dort lässt er,

mit seinem Anteil,

anschwellen

die Nordsee.




Ein Frühlingsmorgen-Drama


Eine Amsel

quatschte sich

am Morgen

um Kopf und Kragen


Ein Regen

von grau-schwarzen Daunen

über die Eibe

ins Moos hinabfällt


Ein Falke

aus großer Höhe

hatte sie von hinten

erdolcht


Eine Stille trat ein

bis aus Nachbars Garten

das Lied einer Blaumeise

deren Tod beklagte




Ostern 2016 – warum?


Ich denke schon,

dass mit dem Schwung des Lebens,

es auch immer wieder

aufwärts geht -

wenigstens ein Stück weit.

 


Ein Physiker

könnte es mir erklären;

ein Biologe anders,

mit anderen Worten -

auch


Irgendwann

reduziert sich‘s - das Leben.

Und dann?

Legt sich ab

in der digitalen Null-Linie.


Ich glaube schon,

dass sich mir aus dem erinnern

von  Palmsonntag,

durch die Karwoche,

hin zum Ostermorgen,


fern allem Rationalen,

eine Ahnung von Ewigkeit schenkt.

Sich nicht verbrauchend,

ins Leere, Endliche.

Darüber hinaus?


Ich hoffe schon!




Dazwischen


Zwischen Start und Ziel

Heute

Jetzt

Distanz


Untergehend in der Eitelkeit

Von Oben und Unten

Von Vorher und Nachher

Gestern und Morgen


Zwischentöne, Zwischengang

Füllstoff, Kit

Pausen, Brücken

Leerzeilen, Nachdenken


Februar -

Nicht mehr richtig Winter

Noch nicht Frühling


November -

Nicht mehr richtig Herbst

Noch nicht Winter


Doch auch

Liebe, Zärtlichkeit

Schwingungen

Zwischen Zweien




Die Zeit


Im schlimmsten Fall -

Vertane Zeit

Im besten Fall -

Übermorgen

Oder?


Darüber nachzudenken

Sinnlos

Die Zeit zerrinnt dir zwischen den Fingern

Vergangenheit  - Zukunft

Die Zeit davor - später


Den Moment

Sein lassen

Hier -  Heute

Sich ausbreiten lassen

Zur Fortsetzung werden lassen 


Sich addierend

Ohne Summe zu werden

Ergebnisoffen

In der Zeit sein -

Jetzt




Zunehmendes Licht


Zunehmendes Licht auf

Noch nicht Erledigtes auf

Neu sich Auftuendes

Der dahingeschmolzene Schnee

Es wieder

Sichtbar werden lässt

Zum Vorschein bringt

Nichts hat sich vergessen

Was im dunklen Eise

Des Januar erstarrte

Sich versteckte

Vogelgesang

Den neuen Tag begrüßt

Heller immer heller




Vielleicht      steckt  die  Wurzel der Aussage  darin?


VATER UNSER IM HIMMEL

GEHEILIGT WERDE DEIN NAME

DEIN REICH KOMME

DEIN WILLE GESCHEHE

WIE IM HIMMEL

SO AUF ERDEN

UNSER TÄGLICHES BROT

GIB UNS HEUTE

UND VERGIB UNS UNSERE SCHULD

WIE AUCH WIR VERGEBEN UNSEREN SCHULDIGERN

UND FÜHRE UNS NICHT IN VERSUCHUNG

SONDERN ERLÖSE UNS

VON DEM BÖSEN

DENN DEIN IST DAS REICH

UND DIE KRAFT

UND DIE  HERRLICHKEIT

IN  EWIGKEIT

AMEN





Das Neue


Angekommen –

Im neuen Jahr?

Über die sieben Berge

Des Vergangenen

Noch verzaubert –

Vom Charme des nun möglichen?

Nimm eine Gießkanne

Wenn die Sonne  scheint

Und lass es weiter

Vor dir zum Blühen bringen

Säe und jäte

Und fahre die Ernte ein

Wie jedes Jahr am Ende:

Regenbogenfarben




Weihnachten   2015


Blühende Zierkirschenzweige,


ein Schmetterling, der im Chorraum einer Kirche,

mit den an der Wand sich reflektierenden Farben,

  sonnendurchfluteter bunter Fenster,

flirtet,


gut frequentierte Spazierwege,


ein schon fast nicht mehr sich anders denkender, blauer Himmel -

die Jacke überm Arm tragend.


Oster? - Nein, Weihnachten!


Frühlingshaft gekleidete Liturgie.




Weihnachde elleweil


Schee, elles leichded


Schaad, wied’r koin Schnee


Schee, d’Oma komm'd


Schaad, dr’Opa isch erschd g’storbe


Schee,  s’gibd wied’r a Goas


Schaad, dr’Chrischdbaum isch irgendwie gromm g’roade


Schee, isch hald wie emm’r




... - Schaad!




Herbstmelancholie


Zeit der Ernte

Aus Sommersonnentagen

Sich mehr und mehr

Verabschiedendes Licht

Aus Nebeln steigend

Nicht erkennbare Geräusche

Mich wieder einfangend

In mein Schneckenhaus zurück

Noch fehlen mir die Worte

Der passende Schal

Mich mit der Dunkelheit zu versöhnen




Mitte Juni


Überall Rosen

In Beeten und Ranken

Beblütete Hecken

Betörende Düfte

Einatmend

Anregend


Ein Summen

Aus Linden

Mein Hören lenkt

Bienenflügel

Tausendfach

Deren Blüten besuchend


Pfeilschnell

Des Himmels blau

Durchschneidend

Mauersegler

Kreischend

Südliches Flair verbreitend


Wolken sich türmen

Aus sommerlicher Hitze

Drohend

Herr Gott - verschon unsre Fluren

Donnernd

und grell blitzend


Endlich Sommer

Asphaltflirrend

Kühlendes Wasser suchend

Nackte Haut

Die Sonne berührt

rötend


„Gut siehst du aus!“

Dem Urlaub

Zuzuschreiben

Gelassenheit

Entspannte

ein immer Sosein wünschend




Es ist Mai


Dort,

wo du das Urbane verlassen hast;

die Stadttaube nicht hinfindet.


Dort,

wo er nicht mehr zu hören ist,

der vermeintlich Sicherheit vermittelnde Lärm.


Dort,

wo der Dunst noch Morgennebel heißt,

nicht Smog, und der Sonne dann weicht.


Dort,

du spürst es – es ist anders,

und vermisst trotzdem nichts.


Wenn dann noch,

der Wind deine Ohren erreicht,

und hineinträgt die Geräusche aus der Ferne.


Wenn dann noch,

du dich hineingehorcht hast,

in die neuen, dir noch fremden Melodien.


Dann,

kann es sein,

dass du dem Kuckucksruf lauscht –

er selbst verborgen bleibt.


Dann,

hast du im Mai vernommen,

was nur Einzelnen von Tausenden geschenkt.




Paris


Das noch vor Tagen

Leere

Unbeschriebene Blatt

Drängt sich auf

Nun

Befüllt zu werden

Mit Eindrücken

Meiner ersten Begegnung

Mit dir

Du Vielbeschriebene –

Ich reise ab:

Zentrum der Nation

Ihre Mutter

So scheint es

Und doch

Die ganze Welt

In dir sich beherbergt

Grau-weiß eingefärbt

Bis an den Horizont

Der Stolz deiner Bewohner

In machtvollen

Denkmälern hineingebaut

Manifestiert

Staunend

Den Atem

Mir raubend

Ob meiner Kleinheit

Traurig machend

Wegen unserer

Sinnlos geführten

Kriege

Die sich darin

Widerspiegeln

Und doch

In diesen Tagen

Deine Lust

Gespürt, erahnt

Gesehen und genossen

Mit der dein

Jetztsein

Dein Sosein

Sich lebt

Leichter, viel leichter

Zuinnerst mich entdeckend

Neues

Deiner Jugend

Drumherum sich zeigt

Wild scheinen sie

Und entschlossen

Wie wirst du

Ausschauen

Dich  anfühlen

Paris

Stadt der Geschichte(n)

Für die

Nach mir

In hundert Jahren?

Liberté, Égalité, Fraternité

Steht auf deinen Fahnen




Zugfahren


Dem stählernen Monster

Durchs Maul gestiegen

In seinen

Schon gefüllten Bauch

Wehrend

Verdaut zu werden

Entrinnend

Nicht hier

Schon dort sich denkend

Ausgespukt zu werden

Hoffend –

Wie Jonas




Auferstanden für mich?


Letzte Anweisungen

Verklausuliert im Gründonnerstagsmahle

Ungläubig  verwehen lassen

Liebeshinweise seiner Treue

Haben nicht wirklich

Mich erreicht


Sein Tod

Am gekreuzten

Trockenem Holz

Tags darauf - Karfreitag

Die zur Stille verstummten Glocken

Mich ängstigen


Im Gloria am Ostermorgen

Grell scheinendes Licht

Die Szene beleuchtet

Leere - Nichts

Nachdenklich machend

Mich blendend trifft


Jünger bezeugen

Thomas noch zweifelnd

„Friede sei mit euch“

Aus ihrer Mitte spricht

Der Auferstandene unverbrüchlich

Mich hoffend machen will




Der März -   Tagebuch eines Frühlingsmonats


01/SA 6.59   bis      7°    grau aber trocken, Spechtgehämmer SU 18.04

02/SA 6.57  bis    7°   Starkregen, revierverteidigende Amsel SU 18.05

03/SA 6.55   bis   9° aufgeheitert, Schneeglöckchenweiß SU 18.07

04/SA 6.53 bis   5° aufgeheitert, Kornelkirschengelb SU 18.09

05/SA 6.51 bis   4° aufgeheitert, schneebereifte Dächer Vollmond SU 18.10

06/SA 6.49 bis   9° sehr schön, grün aufspringende Hortensien SU 18.12

07/SA 6.47 bis 10°sonnig, gelbstäubende Haselnuss SU 18.13

08/SA 6.45 bis 13°sonnig, Ausflug an den See SU 18.15   

09/SA 6.43 bis 16°sonnig, Blüten suchende Zitronenfalter SU 18.17

10/SA 6.41 bis 14°heiter bis bewölkt, Fahrradinspektion SU 18.18

11/SA 6.39 bis  8° etwas Regen, morgendliche Amselgesänge SU 18.19

12/SA 6.37 bis  8° bewölkt, bunt blühende Krokusse und Primeln SU 18.21

13/SA 6.35 bis  6° bewölkt, Nachtfrost SU 18.23

14/SA 6.32 bis  7° grau, im Wald schläft noch alles SU 18.24

15/SA 6.30 bis  9° heiter, rosafarbener Duft-Winterschneeball SU 18.26

16/SA 6.28 bis 15°sonnig, gelbblühender Huflattich am Weg SU 18.27

17/SA 6.26 bis 16°sonnig, gelb-braun blühende Zaubernuss SU 18.29

18/SA 6.24 bis 16°sonnig, nachtwandernde Kröten zum Wasser SU 18.30 

19/SA 6.22 bis 14°sonnig, Bärlauch Blätter rollen  sich auf SU 18.32

20/SA 6.20 bis 13°sonnig, partielle Sonnenfinsternis Neumond + Frühlingsanfang SU 18.33

21/SA 6.18 bis 13°heiter, bisschen Regen, Hummelflug SU 18.35

22/SA 6.16 bis  8° bewölkt, Veilchenblau, blaue Leberblümchen SU 18.36

23/SA 6.14 bis  9° bewölkt, kleiner Trupp Stare unterwegs SU 18.38

24/SA 6.11 bis 14°bewölkt, Löwenzahn und Gänseblümchen SU 18.39

25/SA 6.09 bis 16°heiter, Forsythiengelb  SU 18.41

26/SA 6.07 bis  8° grau, entlaubende Heckenbuchenknospen SU 18.42

27/SA 6.05 bis  8° bisschen Regen, Graupelschauer SU 18.44

28/SA 6.03 bis 11°heiter, rote Pfingstrosentriebe SU 18.45

29/SA 7.01 bis 10°grau und nass, Palmkätzchen weiß-gelb Sommerzeit SU 19.47

30/SA 6.59 bis  9° stürmisch und nass, fliederfarbener Seidelbast SU 19.48

31/SA 6.57 bis  12°wie gestern, überall schon Osterglocken SU 19.50




Warum?


Tausendfache Verlässlichkeit

Dem Reißwolf

Übergeben

Heute wird

Platz geschaffen

Im Archiv meiner Gefühle

Wollte ich das?

Ungefragt

Die Aufbewahrungszeit

Ist überschritten

Und dann?

Hinter dem verletzenden Schnitt

Die eigene

Seiende Leere

Mich zerbrechlich

Wahrnehmend im

Milliardenfachen sein

Schnittstellen findend

Sich wieder

Ablegen lassend

Nur

Tausendfaches Glück

Es ist

Sonst nichts

(Zum  Absturz von  Flug 4U9525)




Sonnenfinsternis


Nur partiell

Und doch

Kühle

Eines zweiten Morgen

Die Haut berührt

Dumpfes Licht

Sich legt

Über den längst

Aufgegangenen Tag

Erde, Mond, Sonne

Haben sich gefunden

Im unendlichen Raum

Uns nachdenklich

Machend

Dankbar werden lassend

Ob ihres seins

Sonst





Abschiede


Hundertachtzig Grad

Auseinander sich

Bewegende Kräfte

Noch verklebt

In der Wohligkeit

Gemütlichkeit

Des vielleicht

Der Einfachheit verfallendem

Gewohntem

Nur mühsam

Noch ungewohnt

Den Horizont zaghaft

Absuchend bereit

Im Aufscheinen

Eines Zukunftslichtes

Darin

Dort hinein

Das Vergangene

Doch auch wieder

Erkennend

Und eine

Schwanger gehende Zeit

Des Wachsens

Dem Neuen

Aus einem aus Erfahrungsmasse

Genährtem Mutterkuchen

Vertrauend

Wieder alles Zutrauen





Im Februar


Om’s nomm

„Gugga“

Isch’s kald g’worde

Der Winter trotzt

Den Narren

Den schrägtonigen

Vielleicht aber

Der Schädling Tod

Wenn trifft

Die Kälte

Sie

Unter der Decke

Viren finden

Großzügig, kampflos verteilt

Ins Bett zwingend

Kopf dröhnend, zerspringend

Wärme und Sonne

Reisebüros werbend

Mehr und mehr

Sehnend





Nachruf auf den Patenonkel


Jetzt seid ihr bald alle fort

Auch du

Es wird nicht viele Gründe

Mehr geben

Zu reisen an diesen Ort

Einem Leben begegnend

Die Ferienzeit

In meiner Kindheit

Immer hier gewesen

In deinen Käfer

Uns hast gepackt

Die Landschaft zu erkunden

Dem Kalten Krieg

Ins Auge geschaut

Nur wenige Stunden

Ein Erinnerungsbuch

Füllen

Zeilen hast du

Uns hinterlassen

Die Welt

Von dir denkend

Bedenkend

Lebenserfahren

Sich dir wünschend

Hierin werde ich dir

Wir

Verbunden bleiben

Onkel – Patenonkel

Leb Wohl

Und bleib behütet

In Gottes Händen


in memorian   


Zwischen den Jahren


Daß alles endet,

manches sich wendet,

lehrt uns die Zeit.


Im Dunkel das Licht,

ein vergeß'nes Gesicht

kommt wie von weit.


Was wächst, ist leise,

bleibt eine Weise

der Ewigkeit.


(Konrad Werner, "Zeitansagen/Gedichte", Edition Transform, Herp Verlag),





Der Januar


Abgehängt

Weggeräumt

Entsorgt

Was war das jetzt?

Was bleibt?

31 Tage

Beginnend

Spuren davon

Ins Leben

Hineinnehmen

Hoffend einer

Frühjahrssonne

Entgegen

Die mich

Vielleicht

Ablenkt von mir

Selbst

Wieder

Warum?

Bleibe doch

Noch

Ein bisschen

Jetztsein





Augenblick


Schwan, wohin ziehst du, hundert Meter über der Autobahn,

meine Fahrt nach München kreuzend?

Ich folge einem Band aus Asphalt.

Vor und hinter mir, alle der gleichen Spur stur folgend.

Was treibt dich an, dein Flug mir als Bild sich heute früh schenkend?

Unverhofft, und mich eine ganze Zeit noch nachdenkend,

bis ich diesen Augenblick formulier auf Papier.

Vielleicht mich wünschend in dein Ziel.





Ins Neue Jahr


Anders?

Nein!

Wieder in die

Alles vergessen wollende

Zukunfts- Wunschfalle

Getreten


Anders?

Ja!

Das Gewesene

Wertschätzend

Fortsetzen

Hoffnungsfroh


Anders?

Nein!

Immer noch

Nur Luft mich und

Meine Sinne

Beatmet


Anders?

Ja!

Schwarz-weiß Vergangenes

In ein noch

Bunteres Morgen

Hineinverweben


Nicht anders?

Doch!

Wachsen im sammeln

Kein Jahr

Vergessender

Zeiten 





Weihnachtsgedicht


Ein Marienkäfer, wie‘s sich gehört,/ schlief im Dezember./

Einen Tannenbaum mit spitzen Nadeln,/ er nutzte für sein Ruhen.


Er wollte nichts von der Kälte wissen/ und hatte sich schon im November/

hier eingerichtet,/ wie all die Jahre.


Ein Rütteln, das den Baum durchfuhr,/ weckte ihn aus seinem Winterschlafe./

Doch weil es kalt blieb und ihn nichts erwärmte,/ schloss er die Augen und schlief weiter.


Ein Mann trug den gekappten Baum,/ samt der darin verborg ‘nen Fracht,/

durch den verschneiten Winterwald/ hinab ins Dorf nach Hause.


Dort stellte er die grüne Pracht/ in einen gusseisernen Ständer./

Und ließ den hierher getragenen Baum/ sich aushängen seine Äste.


Am Abend dann, es war schon dunkel,/ trug er den Baum im Ständer/

hinein in seine warme Stube/ und schmückte ihn mit Sternen.


Ein Band mit elektrischen Kerzen/ er legte um das grüne Kleid./

Glaskugeln das Licht reflektierten./ Krippenfiguren die Szene belebten.


Der Marienkäfer spürte ein Kribbeln;/ Wärme erweckte ihn./

Und gleich bekam er auch Hunger/ nach Blattläusen - wie im Sommer.


Gemütlich war‘s, jetzt auch im Dezember./ Vorüber war der Winterschlaf./

Es sollte noch prächtiger werden/ nach einem Kirchturmglockenschlag.


Ganz viele Menschen betraten den Raum/ und hatten Geschenke bei sich./

Sie legten sie unter den Tannenbaum/ und sangen dann schöne Lieder.


Danach sie sich reichten die Päckchen reihum -/ bekamen glänzende Augen./

Überraschungen kamen hervor/ und die Herzen wurden weiter.


Das alles beobachtete der Marienkäfer/ aus seiner besonderen Sicht./

Und ihm wurde langsam klar,/ dass hier was Wunderbares geschah.


Die Menschen vergaßen in diesem Moment/ ihr übers Jahr gelebte Desaster./

Sie spürten dass da noch etwas ist,/ das vom Licht sie bisher trennte.


Seit zweitausend Jahren/ es regelmäßig geschieht,/

dass Weihnachten die Engel erscheinen;/ um zu erinnern an Jesus Christ.


Der Marienkäfer erkannte glasklar,/ dass die Geschenke nur ein Vorwand waren./

Versteckt dahinter wollten die Menschen/ sich eigentlich selber schenken.


Er spürte, wie zwischen den Gesichtern/ die Liebe sich breitmachen tat./

Ein Tannenbaum es also schaffte,/ dass die Menschen sich untereinander mochten.


Das wäre zu einfach, es so du denken./ Die Sehnsucht in jedem,/

nach Frieden und Wärme an diesem Tage/ durch „Ihn“, Gottes Sohn, sich uns schenkt.


So bekam der sonnenverwöhnte Marienkäfer,/ auf ganz eigenartige Weise,/

von dem was mit, was die Menschen notwendig liebevoll pflegen –/


Weihnachten – den Heiligen Abend.





rambazamba


Reinkommen

Schaulaufen

Umschauend platznehmend

Weihnachtsbäume

Aus der Decke wachsend

Der Schwerkraft gehorchendes

Glänzendes Gehänge

Freundinnen-Tratsch

Ratschen, schwätzen

Ihre Männer

Ihre Partner

Andernorts wissend

Gut aufgehoben

Endlich ohne

Rosenbestellte Tische

Pärchen

Sich in die Augen schauend

„Schön, dass es dich gibt -

Lecker das Frühstück“

Auch mehr?

Noch alleine

Hier

Whatsapp blätternd vertieft

Gesichtsmuskelreagierend

Durch die Chats scrollend

Der Tresen, die Theke

Männerdominiert

Tausend Worte

Ins Unverständliche sich verteilend

Glasfenster reflektiert

Multipliziert

Der Tag fängt gut an

Das Neueste wissend





Auf dem Boulevard


Verborgen bleibende

Mir begegnende Gedanken

Hinter Gesichtern

Ankommende

Heimgehende

Wo bist du?

Wo glaubst du,

Dass ich gerade hineindenke?

Vorbeischauen

Hindurchschauen

Flüchtiges anschauen

Zufliegende Sympathie

Oder

Blicke nicht aushaltend

Wegschauen

Rastlos

Sich ständig wiederholend

Flüchtig

Keine Sekunde sehend

In die Anonymität

Ins Vergessen

Abgelegtes

Nicht abgespeichertes gewesen sein





Herbstlaub


Noch-grün, gold-gelb, orange-rot

Vor stahlblauem Himmel

Finale Bilder

Fällst du

Von Frost und Sturm getrennt

Verfluchen wir dich

Rechen, Kehren, Bücken, Fortschaffen

Nur Kinderbeinchen freuen sich

Schlürfend Wege suchend

Regen und Schnee

Pressen dich zu Boden

Modernd

Du dich mit der Erde vereinst

Auf Schichten

Gefallener Generationen

Zuvor

Und Herbstlaub

Im kommenden Jahr bedecken wird





Herbstnebel


Über die Länge des Sees

Himmel und Erde

Eins

Hellgrau

Horizontlos

Am  nahen Ufer

Vis à vis

Spiegelt sich die Landschaft im Wasser

Vollkommen

Farbgleich

Schwarzweiß

Dort wo keine Sicht mehr hinreicht

Blindheit

Orientierungslosigkeit

Das Ohr

Erkennt am rufen

Des Blässhuhns, der Stockente

Der Graugänse

Auf nahen  Wiesen

Wie  ein Echolot

Die doch noch vorhandene

 

Tiefendimension

Dahinter

Einatmend

die Atemwege  befeuchtend

Heizungslufttrocken

Regenerierend

Melancholie  und Tristesse?

Oder

Nur

Wahrnehmung

Mit anderen Sinnen?



 

   



Zugang?!


Pünktlich angekommen

Ziehe beim Eintreten eine Nummer:

Fünfzehnte klinische Neuaufnahme heute

Routiniertes Abfragen und Verfüllen von Verwaltungsformularen

„Gehen Sie bitte zuerst zum EKG!“

Danach

Weiter mit dem Aufzug

Im Foyer des 4. Stockwerkes

Wieder Formulare:

Medizinisches –

Rauf und runter –

Weiß ich, in welchem Jahr meine Mandeloperation war?

Im Kindesalter

Blutdruckmessen: 125 zu 85

2 Röhrchen Blutabnahme

„Wie groß sind Sie?“

„Wie schwer?“

Übergabe und Ankommen auf Station 42

Zweibettzimmer

Das ich zunächst allein beziehe

„Alles was gelb markiert ist, ist Ihres!“

Da mich noch niemand kennt, immer wieder die Frage:

„Sind Sie ein Zugang?“

Das erste Mittagessen mit einem Laufzettel der Küche:

„Wir wünschen einen guten Appetit!“

Und in Großbuchstaben darauf,

Nicht zu übersehen,

steht -

Zugang!





Herbst


Das zarte, fahle lila der Herbstzeitlose

Im Kontrast

Die kräftigen, warmen Farben

Des Herbstlaubes -

Sichtbar nach

Von der Sonne aufgesogenen,

Weißgrauen Nebeln

Paradox

Sich am Sterben

Der Natur zu erfreuen

"Golden" wirst du umschrieben -

Zeigst Silberdisteln

Unser  Erntedank

In diesen Tagen

Wird uns  über die kommenden Monate tragen

Gepflügte,

Geeggte,

Eingesäte Felder,

Brachen -

Erdfarbene Teppiche bedecken das Land

Die kürzer werdenden Tage

Lassen

Erahnen

Die Dunkelheit wird wieder siegen

Im Schatten bleibt es

Kühl,

Feucht

Und riecht leicht modrig

Der Mensch wird häuslich -

Reflektiert das Jahr

 


 




Sommer


Wärme

Ich richte ein Zimmer in dir ein

Von drinnen nach draußen

Ich habe mich an dich gewöhnt

Will dich nicht mehr loslassen

Manchem bist du aber auch gleich wieder zu viel

Hitze, blauer Himmel, Badehose -

Gießen müssen, Ozon!,  Sonnenbrand

Oder,

Du verregnest die Sommerferien -

Wieder kein Sommer

Abgehakt

Alles, was du uns schon geschenkt hast -

Vergessen?

Undank ist der Welt Lohn

Du stehst unter besonderer Beobachtung

Frühsommer

Mittsommer

Und ein Spätsommer wird auch erwartet

Ein halbes Jahr will man dich haben

Dabei seid ihr doch der Jahreszeiten vier -

also drei Monate für jeden

Du "scheinst" mir aber die Schönste





Frühling


Forsiziengelb

Veilchenblau

Zierkirschenrosa

Summende Bienen im Schlehenweiß

Amselgeschwätz in noch vermeintlicher Nacht

Wieder ergrünendes Gras

Von Löwenzahnblüten getupft

Lindgrün sich verfärbende graue Buchen


Lenken mich ab

Von noch tiefschlafenden Eichen

Das Neue will mich locken

Vergesse das Gewesene:

Die nicht zu Ende gebrachten Gedanken

Die Kälte

Die Dunkelheit

Die totenstillen Winternächte


Öffne alle Sinne:

Ein warmer Wind streicht über mein  Gesicht

Unter einem frühlingsblauen, weißbewölkten Himmel

Höre ich das trommeln des Spechtes am hohlen Baum

Atme den Duft von Bärlauch am Bach

Schaue nach vorne


Wehre mich nicht

Gegen die sich mir

Alljährlich

Schenkende

Aufbrechende Natur

Schöpfungszuverlässlichkeit