Schreibwerkstatt

Werner


Auszug aus der diesjährigen Einreichung  zum Schwäbischen Literaturpreis


Hannah

Max schaut in das Körbchen. Berührt. Unfähig, seinen Blick abzuwenden. Ein paar Minuten erst alt, liegt vor ihm dieses kleine Menschlein. Umhüllt von der Aura eines Weltfriedens. Das am textilen Überwurf angebrachte rosa Namensschildchen verrät, es ist ein Mädchen: Hannah. Seine Tochter. Max will sich befreien. Ringt nach Absolution. Möchte beichten. Alles, was einer Begegnung mit diesem unschuldigen Wesen und seinem Leben irgendwie im Wege steht. Er atmet den unvergleichlichen Duft, der sich über Hannah ausbreitet. Legt sich über das Bettchen. Beschützend. Nichts soll diesem Moment entweichen dürfen

.

Dreißig Jahre ist das her. Hat sich in sein Gedächtnis eingebrannt. Im Moment in einen Film hineinverwoben, den die Nacht ihm abspielt: Eine Bergtour vor Jahren. Auf einen Dreitausender. Zu Anfang durch eine bewaldete Klamm, begleitet vom ständigen Rauschen des ins Tal hinab stürzenden Wassers. Über der Baumgrenze, wettergeformte Lat-schenkrüppel. Magere Grasflächen, die von Geröllhalden abgelöst werden. Ein sommer-gestresstes  Gletscherfeld. Senkrecht aufsteigende Felswände. Darüber blauer Himmel. Ein markierter Klettersteig führt ihn nach dort oben. Auf den Gipfel. Den letzten festen Boden unter seinen Füßen. Berauscht, benommen, breitet er seine Arme zu Flügeln aus. Lässt sich in den Aufwind fallen und gleitet hinaus. Dem Tal nicht näher kommend. Hannah auf seinem Rücken. Er spürt ihre Wärme im Nacken. Bilder ihrer Geburt tauchen auf.


Vollmondnacht-Traum. Ein Konglomerat von Sequenzen aus Max Leben. Albtraum nur, weil es sich physisch nicht erklären lässt. Emotional schon. Lebenssplitter, die mit einem ganz besonders hoch wirksamen Fantasiemörtel verbaut wurden. Max bleibt noch etwas liegen. Glaubt, aus der Nacht einen Muskelkater mitbekommen zu haben. Das Bett neben ihm ist leer. Anna ist für ein paar Tage weggefahren. Niemand wartet auf ihn. ...






Auszug aus dem 30-Tage-Projekt  Cote d'Azur (2017)


10/08 il pleut (es regnet)


Aus dem geöffneten Karton goss es in Strömen über die Kellertreppe hinab in den Teich, der den Krokodilen gehörte, die wie tot an der Oberfläche schliefen, weil sie satt waren und jeweils nur noch ein Bein der zu viert gefressenen Giraffe aus ihren Mäulern gaffte, unfähig dieses auch noch hinunterzuschlingen, da kein Platz mehr in ihren Garagen war, die wegen der halbgeöffneten Tore auch gar nicht geeignet waren, alles in sich aufzunehmen, um alles ordentlich an die nunmehr zuständigen Stellen zu übergeben, die selbst auch noch gar nicht so weit waren, weil noch beschäftigt mit wichtigeren Sachen; ihren Pudelmützen eine neue Farbe zu geben, rot oder blau, sie konnten sich einfach nicht entscheiden, da die Post das eine oder andere nicht bereit war zu transportieren, wegen der Untiefen beim Überqueren des Zebrastreifens, der von Nashörner malträtiert worden war, und teilweise tropfend, wie ein inkontinenter Schwamm zu verdunsten drohte, nur drohte, nicht wirklich abzustürzen im Sinn hatte, sondern wegen der Anmeldung einer Elefantenherde, diesen zu überqueren nur noch etwas zuwarten wollte, zumal mit einer Whatsapp ihm gemeldet worden war, dass sich eine kleine Verspätung auf ihrer Flugreise eingestellt hatte, wegen des Ausweichens eines Schwar-mes von Flamingos über dem Panamakanal in Richtung Dänemark, oder war es doch über dem Titikakasee, wo ihnen eine Schlafmütze entgegenkam und sie zu einem riskanten Zwischenspurt angehalten wurden, wobei ein Karton im Laderaum des Fliegers verrutscht war, in dem eine ihnen unbekannte Flüssigkeit plätschern zu hören war. Gott sei Dank, dass dieser per Fallschirm dann abgeworfen werden konnte. Aus dem geöffneten Karton goss es in Strömen über die Kellertreppe hinab in den Teich, der den Krokodilen gehörte,  ...






Auszug aus meiner diesjährigen, broschierten Weihnachtserzählung


"Liebes Christkind, hiermit kündige ich fristlos meine Funktion als abschließendes Zeichen, unter die von den Menschen abgegebenen Wunschzettel an Ihre Adresse. Über die Jahre kam ich immer weniger zum Einsatz, so dass ich meine Bedeutung nach dort konzentrieren möchte, wo man mich noch braucht. Mit vorweihnachtlichen Grüßen - Der Punkt"


Das war aber ein sehr ungewöhnlicher Brief, der da auf dem Schreibtisch des Weihnachtsamtsministers lag, mit einem großen Fragezeichen seines Mitarbeiters aus dem Vorzimmer, Herrn Nikolaus, versehen. Was wohl bedeutete, dass dieser nicht so recht gewusst hatte, wohin damit. Alle Briefe an das Christkind gehen zunächst über diese Stelle.


Auch der Minister wusste nicht wirklich, wie er das zu verstehen und darauf zu reagieren habe. Er rief daher die Sekretärin des Christkindes, Frau Sterntaler, an und bat um einen Gesprächstermin höchstpersönlich bei ihrer Chefin.


Herr Minister sie wissen doch, dass das Christkind derzeit nicht gestört werden möchte. Die Wunschzettel der Menschenkinder werden immer länger und unübersichtlicher, so dass für uns Kollegen eigentlich keine Zeit mehr übrig bleibt. Können wir das nicht in den Sommer hinein verschieben?


Nein, mir scheint nicht. Es handelt sich um eine fristlose Kündigung. Sprich: sofort!


Okay, dann muss ich mal schauen. - Ah hier, da kann ich sie vielleicht noch dazwischenschieben. Das Christkind hat heute Mittag um 16 Uhr einen Termin mit einem Stofftierhersteller. Wenn sie da einfach zehn Minuten früher kommen, trage ich sie gerne in den Kalender ein.


Ich schau mal bei mir nach. -  Ja, würde gehen. Ich schicke ihnen vorab schon einmal das betreffende Schriftstück per E-Mail.


Bis dann!


Bis dann!


Viertel vor vier klopfte der Weihnachtsamtsminister an die Tür zum Sekretariat des Christkindes.


Herein!


Hallo, Frau Sterntaler! Bin ich zu früh?


Nein, Nein! Das Christkind hat den uns übermittelten Brief schon gelesen und darum gebeten, sobald sie da sind, gleich reinzukommen.


Danke!


Bitte!


Der Minister klopfte an der Tür des Christkindes und hörte von drinnen ein bestimmtes: Herein!


Ich grüße sie.


Grüß Gott! Was machen wir da?, ...






Auszug aus der Reiseerzählung über die Jedermänner-Radtour 2016 "Elbe-Rad-Weg" vom 21. bis 24. Juli, erschienen als Broschüre im Eigenverlag


Donnerstag, 21. Juli 2016


Letztendlich sind von den Sieben Schwaben, die eine Reise in den Norden wagen wollten, sechs übrig geblieben. Präziser gesagt fünf und einem der schwäbischen Sprache mächtigem*. Aber genau jener war es, der dieses Mal die Organisation und die Vorbereitung in seine Hände genommen hatte; und dies einfach super. Sprach er doch auch den Dialekt des Zielgebietes unserer Reise.   


Um 8.30 Uhr trafen wir uns mit zwei Fahrzeugen auf dem Greutplatz, wie schon so oft in der Vergangenheit, wenn die Jedermänner ihre jährliche Radtour starten. In Gerhards Auto waren die Fahrräder bereits verstaut. Nur noch meines musste an Freds Auto irgendwie angebracht werden. Und Fred  hat immer eine Idee, Werkzeug und Bauteile zur Hand, das verkehrssicher hinzubekommen.


650 Kilometer Fahrt lagen vor uns. Unterbrochen mit kurzen Stopps bei den Raststätten Rhön und Göttingen. Waren die zuletzt hohen Temperaturen, durch das in der Nacht gewesene Gewitter bei uns, schon deutlich niedriger, und einige Regenschauer unterwegs auch nicht sehr einladend, erwarteten uns beim Aussteigen an der Raststätte Göttingen dann doch wieder subtropische 31,5 °. Es fühlte sich an, als wären wir in Oberitalien angekommen.


Gegen 16.30 Uhr kamen wir, kurz vor Hamburg, am Hotel „Deutsches Haus“ in Francop im Alten Land an. Teils mit Reet eingedeckte Dächer und Bauernhäuser im niederdeutschen Stil, zeigten sich zwischen den unendlichen Obstbaumplantagen dieser Landschaft. Wir hatten gerademal eine viertel Stunde die viel zu warmen Zimmer bezogen, da trieb es uns schon wieder nach draußen.


Mit den Autos fuhren wir an die Schiffslände von Finkenwerder. Vorbei am, in seiner Dimension beeindruckenden, Werksgelände für die Endmontage des A318, A319 und A321 von AIRBUS. Das Fährschiff mit der Liniennummer 62 kam auch bald und wir fuhren über die Elbe flussaufwärts, am Containerhafen und der Werft von Blohm und Voss vorbei, bis zu der Anlege „Landungsbrücken“.


Ein Fischbrötchen, zur Stärkung für einen Gang zur Hafencity, musste jetzt einfach sein. Kein Problem, wird hier überall angeboten. Unter der in Richtung Hafencity verlaufenden gestelzten Stahltrasse der  U-Bahn, und an der Speicherstadt vorbei, erreichten wir den neu erstellten Stadtteil von Hamburg. An der Elbphilharmonie, die äußerlich fertig scheint, wird immer noch vehement gearbeitet. Die mehrere Stockwerke aufgetürmten, blauen Baucontainer flankieren das Bauwerk nachwievor. An einem daneben-liegenden Kiosk am Dalmannkai gönnten wir uns ein erstes verdientes Bierchen bzw. Wasser und Limo, und ließen uns auf den dort aufgestellten Liegestühlen nieder. Ein gutes Motiv, unseren daheim gebliebenen Sportkameraden ein Bild davon zu posten.  Prompt kamen über WhatsApp auch die uns beneidenden Rückmeldungen.


Über den gleichen Weg gingen wir zurück und erreichten, hinter den Landungsbrücken, den alten Elbtunnel überquerend und am Hamburger Fischmarkt vorbei, unser Abendrestaurant „Hamburger Elbspeicher“. 4 x Scholle Finkenwerder Art, ein Salat und Spaghetti mit Trüffeln stärkten uns für die kommenden Taten und die Nacht. Bei der Bestellung meines „stillen“ Wassers bemerkte der Kellner fragend: „Muss ich jetzt aber nicht ohne Geräusche servieren?“. Und bei unseren Smalltalks am Tisch fragte Fred  irritierend, dass es doch eigentlich „Kater vom Hirschbach“ und nicht „Katze vom Hirschbach“ heißen müsste. Ein Jedermann weiß, wer hier gemeint ist. Der  Betreffende will aber weiterhin als „Katze vom Hirschbach“ auftreten und erkannt werden.


Um 22 Uhr traten wir die Rückfahrt mit der Linie 62 von der Station Hamburger Fischmarkt in Richtung Finkenwerder an. An der Unterkunft angekommen, waren dort alle Lichter bereits aus. Es gab demnach kein Abschlussbierchen und wir mussten somit (er)nüchtern(d) zu Bett gehen. 


*“D’r Honger treibd’s neii“. Wer das versteht, versteht schwäbisch.


Freitag, 22. Juli 2016


„Das Alte Land schlüpft langsam unter einer Frühnebeldecke hervor und zieht sich ein himmelblaues Kleid für uns heute an.“


Ich war heute früh sehr bald munter, und beim Blick nach draußen hatte sich mir die obige, etwas poetisch verpackte Zeile, abgebildet.


Pünktlich um 7.30 Uhr saßen wir am Frühstückstisch. Alle hatten die Nacht, wegen der nicht aus den Räumen zu bekommenden Wärme, wie in einer Sauna verbracht. Alternativ hätte man die Fenster öffnen können, dann hatte man aber den schon sehr früh beginnenden Berufsverkehr in Richtung AIRBUS nervsägend in den Ohren. Das Frühstück war gut und ausreichend, so dass wir  gestärkt unsere Tour beginnen konnten. Ich glaube, uns allen brannte schon mächtig der Hintern, endlich in Fahrt zu kommen.


Mit anfänglichen Orientierungsproblemen erreichten wir schon bald wieder die Schiffslände von Finkenwerder, wo wir mit der Fähre über die Elbe setzen wollten zur Station Teufelsbrück. Zwei Schiffe standen zwar schon da, und auch die Überfahrzeiten in die jeweilige Richtung waren angezeigt, jedoch kam keiner von uns auf die Idee, dass das eine, etwas abseits stehende Schiff, das unsrige sein könnte. So merkten wir erst, als dieses in die von uns gewünschte Richtung davonfuhr, dass wir gepennt hatten.


Also warteten wir auf die nächste Fähre, die sich mit einer Abfahrzeit in 25 Minuten anzeigte. Jürgen, als echt guter Scout, holte von einem nahen Kiosk 6 Kaffees, um uns die Wartezeit zu verschönern. Das Schiff kam, und wir erstürmten dieses mit unseren Fahrrädern, um ja nicht wieder das Nachsehen zu haben - mussten doch endlich in die Gänge kommen. Auf der anderen Seite angekommen hielt uns dann auch nichts mehr.


Zunächst ging es bis Wedel, beschattet durch Alleen und Wälder, vorbei an Badestränden, der Elbe entlang. Ich glaube, Blankenese hatte dabei keiner so richtig in den Blick genommen. Diese zauberhafte, am Hang gelegene Siedlung, mit Villen, wo eine schöner ist als die andere. Irgendwie wollte zu Anfang noch keine Muse aufkommen, es mussten erst einmal ein paar Kilometer hinter uns gebracht werden. Wedel selber mussten wird Innerorts durchqueren und kamen erst wieder an der Schiffsbegrüßungsanlage Willkomm-Höft an die Elbe heran. Um danach dann in die Landschaft zu gelangen, die uns den ganzen Tag über begleiten sollte: Deiche, Deiche, Deiche. Einmal rechts davon , einmal links davon und Schafe, Schafe, Schafe. Und weil dort, wo Schafe sind auch Schafschiet* ausgeworfen wird, prägte sich uns die Landschaft auch mit ihrem exklusiven Duft ein. Mehr dazu später nochmal.


Bei Versuchen, die Fahrseite an den Deichen zu wechseln, unterliefen uns immer wieder Fahrfehler, weil erst auf der Dammkrone erkennbar wurde, ob es dahinter auch wirklich weitergeht. Meistens eher nicht. Und wieviel Törchen und Türchen wir auf der Strecke aufgemacht, hindurchgefahren und wieder haben zuschnappen lassen? - eine dreistellige Zahl wird zusammenkommen. Überhaupt war die Ausschilderung des Radweges manchmal etwas dürftig, und ohne die Ortskenntnis von Jürgen wären wir wohl so manches Mal falsch gefahren.


Wichtig war aber, dass wir unser erstes Pflichtziel, das Sperrwerk Pinnau, rechtzeitig erreicht hatten. Wenn nicht, hätte uns der Werkwärter die Fahrbahn weggedreht bzw. hochgestellt, und wir hätten schwimmend das andere Ufer erreichen müssen. Übrigens, Sperrwerke haben nicht die Funktion wie Zugbrücken an mittelalterlichen Burganlagen, zur Abwehr feindlicher Truppen, etwa einreisender Schwaben. Nein, sie sind im Wasserbau Querbauwerke in einem Tidefluss, also einem Fluss, dessen Wasserstand aufgrund der Gezeiten stark schwankt. Diese Querbauwerke haben Öffnungen, die bei Bedarf geschlossen werden können, um das dahinter liegende Binnenland vor Überflutungen zu schützen¹. Und die Brücken, die über diesen Werken liegen, können für die Binnen- und Sportschifffahrt angehoben werden, so dass diese wegen ihrer Höhe durchfahren können.


Nun galt es nur noch, das zweite, sechs Kilometer entfernte, Sperrwerk Krückau zu erreichen, um für den Rest der Tagestour keinen Zeitdruck mehr zu haben. Dort, und zwar erst auf der anderen Seite, machten wir eine kurze Rast. Und so konnten wir, kaum zehn Minuten später erleben, wie der Sperrwerkwärter die eben noch von uns überfahrene Brücke per Knopfdruck drehte, seinen Rucksack packte, ans Auto lief, und von dannen fuhr. Erst morgen früh um 9 Uhr taucht er hier wieder auf.


Kaum sind wir wieder in Fahrt, fängt es aus dem diffusen, dunkler gewordenen Himmel an zu regnen. Erst nur dicke Tropfen, die sich aber nach und nach zu einem Wolkenbruch zusammentun. Wir steuern ein am Wegrand errichtetes Deichbauwerk an und finden darunter Schutz. Das einheitliche Grau lässt nicht erkennen, wann mit dem nichtangesagten Wetter Schluss ist. Und zu allem Unglück, bezeichnet uns ein vorbeifahrender, unverdrossener Imregenfahrer als Weicheier, oder hat er Warmduscher gesagt? Jedenfalls hat uns dieser Ausspruch so sehr getroffen, dass wir trotz des Regens die Weiterfahrt in das jetzt noch etwa 8 Kilometer entfernte Glückstadt aufnehmen.


Dem nicht dabei gewesenen Leser möchte ich jetzt eine Frage stellen und ihn bitten, mit allen Sinnen sich in die Situation hineinzudenken: Was passiert, wenn auf den Wegen Zentimeterdick Schafsch…. liegt, es Wasser wie aus Kübeln regnet, sich beides miteinander vermengt, und 6 Idioten mit ihren Rädern da durchfahren? Genau, Räder und Fahrer stinken zum Himmel.


Welch ein Glück, dass über Glückstadt schon wieder die Sonne zu erkennen war. Und Jürgen hatte es ganz wichtig, uns dahinein zu lotsen. Denn da gibt es den besten Matjes weit und breit. 50 Kilometer hatten wir bisher hinter uns gebracht und freuten uns auf eine ausgedehnte Mittagspause. Am Marktplatz steuerten wir den Ratskeller an, wo wir uns dann mit einem Matjesschmaus nebst 6 verschiedenen Soßen/Dips verwöhnen ließen. Nur Sebastian verschmähte diese Delikatesse. Ich glaube, er hatte dann Fischstäbchen gegessen. Quatsch, aber so etwas ähnliches. Auf jeden Fall wunderten wir uns während des ganzen Essens, wo dieser penetrante, eigenartige Duft nach Schaf wohl herkam.


Mit vielleicht zu vollen Bäuchen, für eine Weiterfahrt, verließen wir Glückstadt, vorbei an einem Vorort, der mit seinen reetgedeckten Häusern und aufgeräumten Gärten Kampen auf Sylt sehr nahe kam. Am AKW Brokdorf entlang fuhren wir in gleichbleibender Landschaft die letzten 30 Kilometer bis vor die Tore von Brunsbüttel, unserem heutigen Tagesziel. Mit einer Fähre, die die Ufer des Nord-Ostsee-Kanals ständig miteinander verbindet, fuhren wir hinüber in der städtischen Teil von Brunsbüttel. Noch eine kurze Fahrt durch Häuserzeilen hindurch, und wir erreichten unsere Unterkunft im Schleussenhotel.


Unsere Räder stellten wir in einer Garage an Jürgens Ferienwohnung ab, die er sich in seinem früheren Geschäft eingerichtet hatte, und verabredeten, in einer Stunde frisch geduscht, uns bei ihm wieder zu treffen. So geschah es, und Jürgen zeigte uns sein Feriendomizil und erzählte ein bisschen aus seinem Leben, das hier oben, im holsteinischen Dithmarschen, über Jahrzehnte beheimatet war. Auch für uns immer wieder faszinierend, wie er bei uns in Süddeutschland neu fußgefasst und in einer guten Art und Weise das Neue mit dem Vergangenen in Einklang gebracht hat.


Nun drehten wir eine Runde in Brunsbüttel und schauten uns dabei auch die Schleusenanlagen zum Nord-Ostsee-Kanal an. Ein reges kommen und gehen in beiden Richtungen zeigte uns mehrfach, wie die gewaltigen Containerschiffe das Hebewerk passieren. Bei einem Italiener, im Torhaus an der Uferpromenade, kehrten wir später ein und ließen es uns wieder gut gehen.


Blitz und Donner in der Ferne hatten es bereits angekündigt, es fing erneut an zu regnen. Zu einem Absacker schlichen wir, etwas geschützt durch die Hausgiebel am Weg, wieder in Richtung Hotel. Jürgen verabschiedet sich, da er nach einer erst auskurierten Blasenentzündung sich noch etwas schonen wollte. Wir gingen dann noch in Gitta‘s Musikkneipe, wo eine Liveband im Sound von Jonny Cash ihr bestes gab. Ein weiterer Gast aus Wismar, der mit seiner Frau hier Urlaub machte, sollte hier unserer Gesprächspartner werden. Fred versuchte den ganzen Abend diesen davon zu überzeugen, dass man einen VW-Passat Baujahr 1991 behalten sollte, bis er Oldtimerstatus habe; denn das brächte wieder einen Wertzuwachs. Ich glaube, beide sind aber nicht so richtig zu Potte gekommen. Der Hansestädter träumte bereits von einem Caddy mit nicht serienmäßiger Stoßstange. Den Pflegetipp, den er uns verriet, war dann aber schon speziell: „Alle zwei Jahre zum TÜV und alle vier Jahre einen Ölwechsel!“ Übrigens, regionales Bier zu bekommen war nicht möglich, Krombacher aus NRW hat die Gegend hier voll im Griff. ...


*Schwäbisch: Schoafscheiß

¹ WIKIPEDIA





Eingereichter Prosatext zum diesjährigen Schwäbischen Literaturpreis 2016 mit dem Thema "Kindheit".  Vorliegend zum reinschauen der Prolog:


Gummitwist


Eines Tages waren sie dagestanden, drei pechschwarze Limousinen. Lieblos zurückgelassen, mit platten Reifen. Was für eine Herausforderung für meine kindliche Neugier. Sie entließen mich nicht mehr aus ihrem Bann. Der Lack ganz stumpf. Nur die daran verbliebenen, verchromten Teile hübschten ihr Aussehen noch etwas auf. Waren sie hier abgestellt worden, damit man sich ihnen nähern konnte? Mein Vater hatte kein Auto; überhaupt war ich noch nie in einem solchen gesessen. Bot sich mir hier eine Chance? Es war ein öffentlicher Platz. Nichts deutete darauf hin, sich ihnen nicht nähern zu dürfen. Kein Verbotsschild, keine Absperrung. Meine Kreise um das Ensemble wurden immer enger; wie ein Löwe, der seine Beute nicht mehr aus den Augen verliert, näherte ich mich ihnen. Mit einem Kribbeln im Bauch; ein Rest von Ängstlichkeit. Zwei herandüsende Starfighter lenkten mich kurz ab. Ließen mich als deren Ziel denken - unerlaubt einem verbotenen Objekt sich nähernd, das bekämpft werden musste. Kindliche Fantasie. Sie entfernten sich wieder.


Je näher ich den Autos kam, verließ mich dieses warnende Gefühl in der Magengegend. Es sah erbärmlich aus, wie diese stolzen Karossen in der tiefen Kiesschüttung des Platzes dastanden. Ein trauriges Bild mit der Mitteilung, keinen Wert mehr zu haben. Was mich nur mutiger machte, sie zu erobern. Auf der von fremden Blicken nicht einzusehenden Seite, kam ich mit einem der Fahrzeuge in unmittelbaren Kontakt. Meine Nase die Scheibe berührend, legte ich meine Handflächen an die Schläfen, um ins Wageninnere besser sehen zu können. Eine wilde Ansammlung von Allemöglichem lag darin. Hatte sich da nicht etwas bewegt? Ein Monster, nach Fressbarem suchend?


Die Deckung der eng beieinander stehenden Autos nicht verlassend, näherte ich mich dem zweiten. Düster mich anschauend, aus, auf der Verkleidung aufgesetzten, runden Frontscheinwerfern, und einem, wie ein gefräßiges Maul aussehenden, dazwischenliegendem Kühlergrill. Dann wieder diese Wahrnehmung in der Magengegend, etwas Unrechtes zu tun. Ich war allein, konnte mich niemandem mitteilen. Mein ganzer Körper in einer Spannung, sofort auch fliehen zu können. Nebenan hörte ich erneut ein Rascheln. Hartnäckig, ohne Scheu, vom Hunger getrieben? Ich berührte vorsichtig den Türgriff auf der Fahrerseite und drückte ihn nach unten. Nichts tat sich, die Tür war verschlossen. Der Innenraum in diesem Auto war leer, soweit ich das durch die Fensterscheiben erkennen konnte. Gebückt, mich weiter unerkannt glaubend, lief ich um das Fahrzeug herum, und drückte den dortigen mit Flugrost übersäten Griff nach unten. Die Tür sprang auf. Nur mit Kraft ließ sie sich weiter öffnen. Ächzend, den Widerstand nicht aufgebend. Ein fremdartiger Geruch kam mir aus dem Inneren entgegen. Modrig, scharf. Eine Mischung aus feuchtem Textil, Öl und „In-die-Jahre-gekommen-sein“.


Mich weiter versichernd, ob in der Umgebung alles ruhig bleibt, zog ich mich auf die durchgehende Sitzbank des Fahrzeuges. Vor mir ein Loch, das Handschuhfach, eine Abdeckung fehlte, mit allen Anzeichen gewaltsamer Raubzüge früherer Besuche: gähnende Leere, das Dahinter nicht erkennbar. Ich rutsche auf die Fahrerseite hinüber. Die Feuchtigkeit des Sitzes spürbar. Die Patina meiner Lederhose bereichernd. Ergriff das Lenkrad, unaufhörlich nach links und rechts drehend. Meinend, alle vor mir angebrachten Knöpfe und Hebel zusätzlich bedienen zu müssen. Meine damalige Vorstellung dessen, wie Autofahren geht.





Auszug meiner eingereichten Prosaerzählung zur Ausschreibung des Schwäbischen Literaturpreis 2015   mit dem Thema "In der Nacht"


„Wild(e)-Wechsel“


Gernot von K. erfuhr sich in seiner ganzen Zerbrechlichkeit. Das Käuzchen, das vor seinem Zellenfenster in die Dunkelheit hineinheulte, wie jede Nacht seit er seine Haftstrafe angetreten hatte, schaffte es heute nicht ihn abzulenken, ihn herauszulocken in dessen grenzenlose Freiheit. Zuviel von sich hatte er schon hergeben müssen für ein Überleben, hier hinter Gittern. Er war nicht mehr er selbst und fand kein geeignetes In-strument den Aufenthalt irgendwie zu überleben. Die ganze Tragik seines Hierseins hatte sich heute Nacht in seinem Kopf ausgebreitet, ohne Gegenwehr, dem Geschehen hilflos ausgeliefert. Erinnerungsbilder zerfetzten jeden Versuch, sich mit der Situation hier irgendwie wieder zu arrangieren: Der Duft der Haut, seiner ersten großen Liebe am Strand von Barcelona; das Einträufeln von Nasentropfen, an seiner hilflos vor ihm liegenden Tochter als Baby; die Wahrnehmungen beim Stehen, auf dem ersten von ihm allein bestiegenen Dreitausender in den französischen Alpen; die beim Fliegenfischen in Schottland von ihm gefangene, eiskalt und glitschig in seiner Hand sich anfühlende Forelle. Ein wirres Durcheinander aus Szenen von seinem Leben in Freiheit malträtierte sein Denken und ließen ihn nicht mehr zur Ruhe kommen. Platzangst machte sich in ihm breit. Eine Zwangsjacke legte sich ihm, von fremden Kräften den Druck ständig erhöhend, an. Atemnot und Schweißausbrüche folgten; sein ganzer Körper reagierte auf die im Traum entstandenen Bilder.


Er sprang auf, knipste das Licht an und setzte sich vollkommen erschöpft auf den einzi-gen Stuhl in seiner Zelle. Er war an seine Grenzen gestoßen; das Leben hier im Gefängnis war für ihn nicht lösbar. Er, der immer alles gehabt hatte, dem alles irgendwie zugeflogen war, hatte dem Hiersein nichts, aber auch gar nichts entgegenzusetzen. Die Alpträume hatten sich angebahnt. Sein Inneres hatte sich immer mehr von seinem fassaden-haften Verhalten entfernt. War das heute nun die Konsequenz daraus? Er wollte nicht einer von diesen hier sein und glaubte nach wie vor, dass es keinen wirklichen Grund gegeben hatte, ihn mit diesem Freiheitsentzug zu bestrafen. Andere hinterzogen Millionenbeträge, oder neigten zu Gewalt. Er hatte doch lediglich über Jahre wiederholt nicht das Fahren ohne Führerschein sein lassen können. Nein, sein Tun reichte für ihn nicht aus, hier nun angekommen zu sein.


Die Gerichtsverhandlung, die mit dieser Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe ihren Abschluss gefunden hatte, lief nochmals in Gernots Kopf ab. Der Richter hatte in der Urteilsbegründung angeführt: „… da die bisher ausgesprochenen Geldstrafen und Fahrverbote nichts bewirkt haben, müssen wir Sie durch eine Unterbrechung ihres galant geführten Lebens in eine Zeit des Nachdenkens schicken. Der Angeklagte ist daher zu einer dreimonatigen Freiheitsstrafe, ohne Bewährung, zu verurteilen!“ Im Moment der Urteilsverkündung hatte er nicht wirklich deren Bedeutung in vollem Umfang verstanden und ging relativ gelassen aus dem Gerichtssaal. Die verfinsterte Miene seines An-walts hatte er damals nicht gleich richtig gedeutet; erst im sich anschließenden Gespräch in dessen Kanzlei, wurde ihm die Schärfe der Verurteilung klar. Und da die Freiheitsstrafe doch nur im untersten Bereich angesiedelt war, machte der Anwalt alle Gedanken auf eine Berufung hin zunichte - es gab nicht noch weniger. Die Verurteilung war der Einstieg in die Verhängung von Freiheitsstrafen und die Bewährungsverweigerung ergab sich notwendigerweise aus der latenten Nichteinsicht seines Mandanten mit die-sem Straftatbestand in der Vergangenheit. Kein Berufungsrichter würde diese erzieheri-sche Maßnahme wieder aufheben.


Gernot von K. hatte, ohne ein Rechtsmittel eingelegt zu haben, vor vier Wochen die verhängte Freiheitsstrafe angetreten. Eigentlich hätte er froh sein müssen, war er hier doch in der Außenstelle der Justizvollzugsanstalt untergebracht, die einen landwirtschaftlichen Betrieb unterhielt, und von daher schon einen etwas anderen Vollzug anbot. Nein, von Anfang an machte ihm dieser Entzug seiner Freiheit zu schaffen.


Versahen die Filmsequenzen, die sich ihm gerade in einem Traum abgespult hatten, sein bisheriges Leben etwa mit Fragezeichen: Durch die Scheidung von seiner Frau, war ihm das von ihm als Baby betreute kleine Wesen abhandengekommen. Er hatte seit Jahren nicht mehr seine Tochter gesehen, die mit seiner Ex nach Frankeich weggezogen war. Interessierte ihn wirklich nicht, wie es ihr ging? Sollte die glitschig und kalt sich anfüh-lende Forelle ein Hinweis auf seine eigene Gefühlskälte sein? War das Stehen auf einem Gipfel in den Bergen ein Zeichen für sein Alleinsein, das er seit der Trennung eigentlich lebte? Und wollte die Szene des Flirtens mit seiner ersten Freundin nicht eine tiefe Sehnsucht in ihm wachrufen, auch ein von einer partnerschaftlichen Liebe Abhängiger zu sein?


Er konnte mit diesem Zusammenbruch heute Nacht nicht übereinkommen, zu groß war seine Sehnsucht nach Freiheit. Dieses darüber nachdenken in seiner Zelle und die von ihm aufgenommene Deutungsspur wollte er aber auch nicht wieder nur ignorieren. Zu oft hatte er Traurigkeiten seines Lebens einfach über-lebt und nicht an sich herankom-men lassen. Und heute, in der nächtlichen Unausweichlichkeit seiner Zelle, hatte sich die Situation nun darin kumuliert, dass er ohne Gegenwehr sich ergeben musste – gebrochen. Acht Wochen standen ihm noch bevor und er konnte so gar nichts dagegen tun. Er verharrte in der Haltung eines auf dem Rücken liegenden Käfers – hilflos, die Beine nicht auf den Boden bringend.


Das Hupen eines Autos, von der unweit an der Vollzugsanstalt vorbeiführenden Kreis-straße, ein dumpfer Knall danach, das hochtourige Geräusch eines Motors und eine darauf eintretende, gespenstische Stille, ließen Gernot von K. abrupt aus seinem Nachdenken fallen. Was war da geschehen?





Auszug aus der Reiseerzählung über die Jedermänner-Radtour 2015 "Fünf-Flüsse" vom 17. bis 19.  Juli, erschienen als Broschüre im Eigenverlag


17. Juli 2015

Für 7 Uhr hatten wir vereinbart, dass wir uns auf dem Aalener Greutplatz treffen, um die Räder und Teilnehmer der Radtour auf die transportierenden Autos aufzuteilen. Fred, Gerhard und Jürgen hatten sich bereiterklärt, uns mit ihren Fahrzeugen an den Start nach Nürnberg zu fahren. Es lief gut, wir brauchten hierzu lediglich sensationelle 30 Minuten. Kaum waren wir unterwegs, im Konvoi, hatten wir schon das erste Aha-Erlebnis. Gerhard lotste uns mit einer sehr speziellen Straßenwahl in Richtung Autobahn - hatte etwas von einer Stadtrundfahrt.


Frank hatte sich eine andere Variante ausgesucht: Da er uns am Sonntag früher verlassen musste, wegen eines am Abend stattfindenden Konzertes in Ulm, fuhr er selbstständig schon in Richtung Zielort bei Amberg. Von dort fuhr er in Richtung Südwest weg, um bei Neumarkt i. d. O. zu uns zu stoßen.   


Über die hitzegestresste Autobahn, die Geschwindigkeit auf der A7 war durchgängig auf  80 km/h herabgesetzt, erreichten wir aber doch in 1 ½ Stunden Nürnberg. Gut, das Finden des Park+Ride-Parkplatz „Bauernfeind“ forderte uns nochmals etwas heraus, jedoch im Handy-Zeitalter ist das nicht ein unlösbares Problem. Die Fahrräder wurden ausgepackt, die Fahrradtaschen draufgepackt und so konnten wir gegen 9.30 Uhr unsere Tour beginnen. Es sei hier noch bemerkt, dass wir das ganze Fitnessteam unserer Abteilung dabei hatten: Trainer, Co-Trainer und Ex-Trainer.


Bevor es dann losging, nervte ich meine Kameraden wieder mit meinem Anspruch, bei nächster Gelegenheit noch einen Kaffee und eine Brezel einnehmen zu wollen.  Dem konnte dann, nach erst gefahrenen 5 Kilometern, in Kornburg-Worzeldorf genüge geleistet werden. Direkt an der Strecke befand sich ein Backshop mit Außenbestuhlung, der nach einer demokratischen Abstimmung angesteuert wurde. Angetan von der Kameradschaft der Tour-Teilnehmer, übernahm ich die Kosten für die Kaffees der Mannschaft. Danach gab ich freie Fahrt mit dem Hinweis, den ganzen Tag keine weiteren Egoismen anzumelden.


Immer am Ludwigkanal entlang ging es nun in Richtung Süden; Nürnberg und deren Außenbezirke hinter uns lassend. Die Autobahn bei Feucht unterfahrend, befanden wir uns nun ausschließlich in ländlicher Umgebung. Die Orientierung fiel relativ leicht, links oder rechts musste eben immer dieser Kanal sein. Man durfte sich vorstellen, wie das damals wahrscheinlich bewerkstelligt wurde: Pferde zogen auf parallel angelegten Wegen die Lastkähne, auf dem in der Mitte des 19. Jahrhunderts eröffneten Kanal. Wege, über die heute dieser Radweg führt.


In der Zwischenzeit gelang es auch mit Frank Kontakt aufzunehmen. Dieser war schon ganz in unserer Nähe und so vereinbarten wir, dass er uns aus Richtung Neumarkt schon ein bisschen entgegenfahren könne, wenn er dort, wo er gerade sei, nicht schon einen einladenden Badesee gefunden habe. Es dauerte auch nicht lange, da kam er uns dann auch entgegen. Da das Thema Baden wegen der über 30 ° Hitze die wir wieder hatten nicht mehr aus unseren Köpfen ging, hielten wir bei der nächsten algenfreien Stelle im Kanal, am Ortsende von Berg, an. Bei einigen war die Badehose wohl ganz unten im Gepäck, also glitten diese ungeduldig, wie Adonisse (Schönlinge), von nichts bedeckt, ins kühlende Wasser – lediglich vom Grund gelöste, freigetretene Algen aus der Tiefe bedeckten dezent das Spektakel.  Ich glaube, die paar vorbeigekommenen Passanten hatten vollstes Verständnis dafür bei diesen Temperaturen und fühlten sich nicht von einem öffentlichen Ärgernis bedrängt.   


Gut erfrischt fuhren wir nun noch die paar Kilometer bis Neumarkt. Ich muss zugeben, dass ich von der Größe des Ortes überrascht war. Über den Unteren und Oberen Markt erreichten wir, von Fußgängern gut beraten, den wunderschönen Biergarten „Oberer Ganskeller“. Schattenspende Bäume und die von der Wirtin ganz schnell aufgenommenen und bedienten Getränkewünsche, machten die bisherigen Strapazen schnell vergessen. Eine „leichte“ Mahlzeit, mehr oder weniger, schloss sich an und ein zweites Getränk passte danach auch noch rein. Nachdem wir unsere Getränkeflaschen in dem nicht weit entfernten Norma nachgefüllt hatten, setzten wir, aufgrund einer Empfehlung der Wirtin vom Biergarten, unsere Fahrt fort, jedoch nicht die beschriebene Strecke, sondern weiter am Ludwigkanal bleibend.


Es sollte sich lohnen. Bei Greißelbach, nicht weit, lag ein türkisfarbener Baggersee an unserer Strecke, den wir zielstrebig ansteuerten. Mit der an öffentlichen Badestränden üblichen Bekleidung stürzten wir uns erneut in die Fluten. Nur Bernd H. hatte ausgerechnet dieses Kleidungsstück vergessen mitzunehmen -  macht nichts, so passte er solange auf unsere Räder und das Gepäck auf.  Roland und ich nutzten das Gewässer in vollen Zügen und so hatten wir den See in seiner ganzen Länge hin und zurück einmal durchschwommen. So ganz nebenbei hatte sich in unserem Rücken ein Gewitter aufgebaut und drohte schon einmal mit Donnergrollen herüber. Man konnte aber schon bald erkennen, dass es in eine andere Richtung, wie die uns bevorstehende, davon zog.


Wir waren nach unserem ausgiebigen Badeaufenthalt noch nicht weit gekommen, da meldete Fred einen platten Reifen nach vorne. Er hatte auch alles dabei, dem Problem zu begegnen, und versuchte es zunächst mit der Lightversion, einem Reifen-Reparatur-Spray. Sah zunächst auch ganz gut aus, aber nach einigen weiteren Kilometern war die Luft halt wieder draußen. Also dann Stufe zwei: Rad runter, Mantel runter, alter Schlauch raus, Mantelinnenfläche abtasten, neuer Schlauch rein, Mantel drüber, Luft rein. Fast in Formel-1-Radwechsel-Geschwindigkeit hatte Fred nun wieder ein funktionierendes, rund laufendes Fahrrad.


Es war nun nicht mehr weit und wir erreichten Berching, unser erstes Etappenziel und auch das Ende des bisher uns so treu begleitenden Ludwigkanal, der sich danach mehr oder weniger in der Landschaft auflöst und verschwindet. 69 gefahrene Kilometer zeigte der Tachometer um 17.30 Uhr für heute an.


Ein idyllischer Ort braucht Kopfsteinpflaster, und das wollte Berching wohl sein, also erreichten wir durchgerüttelt, die Pobacken aus den Sätteln hebend unser Quartier, das Hotel „Dallmayr“. Gerhard meinte, bevor wir jetzt die Zimmer beziehen, wir uns ein „Schmutzbier“ verdient hätten. Heißt das jetzt so, weil unsere Räder entsprechend aussahen, oder weil wir, nach einer schweißtreibender Arbeit, dieses zu uns nehmen sollten, ungeduscht? Beides traf nämlich zu. Viel Zeit brauchten wir jedenfalls nicht hierfür, zwei drei Schlucke und das Gesöff war aufgeräumt in Anbetracht der Hitze. Schnell waren die Zimmerpaarungen ermittelt und wir bezogen supertoll renovierte Zimmer im obersten Stock.


War der Ort bei unserer Ankunft noch fast menschenleer, bot sich uns, nach dem wir uns frisch gemacht hatten, nun ein ganz anderes Bild. Vor den verschiedenen Lokalen im Ortskern saßen überall schon zahlreiche Gäste.  Wir fanden aber trotzdem noch ein Plätzchen für uns Neune in der uns gastgebenden Wirtschaft.  Der Hunger und der Durst lies die Bestellung schnell erfolgen, nur Bernd H. hatte einen Spezialwunsch: „Bitte einen Salat ohne Blatt!“. Auf Nachfrage entpuppte es sich als eine schwäbische Tugend, mehr Masse zu bekommen fürs gleiche Geld.


Das Essen hatte prima geschmeckt, eben bayerisch gut, und der Durst war auch nicht mehr ganz so groß. Eine Stadtbegehung war also nun angesagt. Sehr aufgeräumt, Stadtmauer begrenzt, war das aber keine Aktion von Stunden, wir machten halt das Beste draus und schauten neugierig in alle Gassen einmal hinein. Zurück, wieder im Ortskern, entschieden wir uns zu einem Absacker vor der „Blauen Traube“. Dabei reflektierten wir natürlich unseren ersten gefahrenen Tag und der Spruch des  Abends kam dann wohl von Jürgen: „Wir haben gebadet – die Fische haben sich totgelacht!“ Noch vor  Mitternacht, ein Sommerabend kann von den Temperaturen nicht schöner sein, beendeten wir unsere Schwätzerei. Nur noch schräg gegenüber mussten wir, um ins Hotel zu kommen, und fielen alle müde in unsere Betten. 





Auszug aus „Joggele“, eine fantastische Reiseerzählung, erschienen 2015 als Broschüre im Eigenverlag


Hinreise

Sepp B. war während der Bahnfahrt von Stuttgart nach Paris weggenickt. Das frühe Aufstehen, kurz nach 4 Uhr morgens, das monotone Fahrgeräusch des TGV und die im Abteil allgemein vorhandene Müdigkeit der anderen Mitfahrenden, hatten ihn sich ergeben lassen, die Augen weiter mühsam geöffnet zu halten. War es ein Zufall, die Fahrt ging gerade über den Rhein bei Kehl, da stürzte sich Sepp B. im Traum in die Fluten eines Gewässers, voll bekleidet in seinem besten Anzug. Das haben Träume wohl so an sich, dass sich da Absurditäten abspielen, jedenfalls rang er unter Wasser danach, wieder an die Oberfläche zu kommen. Tropfnass schaffte er es auch und schwamm mit allerletzter Kraft an das durch die Strömung nicht einfach zu erreichende Ufer. Und da war ich nun da, ein, auf keine zwei Zentimeter geschrumpftes Wesen, vollkommen identisch ihm, etwas eingelaufen, alles von unten anschauend. Das veranlasste Sepp B., aus seinem Traum aufzuschrecken und hilfesuchend aufzuschreien: „Joggele!“. So hatte ich gleich einen Namen bekommen; getauft mit jede Menge Traumwasser nach einer Kopfgeburt. Ich hatte aber überhaupt keine Lust, mich der Realität und dem Erwachen meines Großen, durch ein ihn entlastendes Verschwinden, in Luft aufzulösen. Und so stellte ich mich vor ihn hin und sagte mit breiter Brust: „Da bin ich! Da bleib ich! So einfach bekommst du mich jetzt nicht wieder los!“


Da meine Stimme von den anderen Fahrgästen gehört werden konnte, ich ihnen aber wegen meiner Kleinheit verborgen blieb, arrangierte sich mein Großer und legte schützend seine Hand über mich - oder wollte er nur einer Peinlichkeit entgehen? Jedenfalls war dieser jetzt nicht mehr müde und hellwach, ob unserer zwangsweisen Zweisamkeit. Flüsternd erzählte er mir, dass die Reise nach Paris gehe und dann weiter, umgestiegen, Richtung Süden bis Montlucon. Das hörte sich doch ganz spannend an. Mit über 300 Stundenkilometern rauschte der TGV der Metropole Frankreichs entgegen. Weite, landwirtschaftlich genutzte Flächen, mit kaum erkennbaren menschlichen Ansiedlungen, wechselten monoton ineinanderfließend, sich ab: viehbeweidete Wiesen, Heuballen übersät, höher werdender, sattgrüner Mais, vom grün ins gelb sich verändernde Getreidefelder.


Pünktlich kamen wir in Paris-Gare de l‘Est an und verließen als Letzte den Zug. Mein Großer war sich seiner Erzeuger-, oder besser seiner Begleiterrolle nicht bewusst, und daher noch etwas unsicher, mich aus dem Zug zu schmuggeln. Hätte mich ja auch beim Aussteigen einfach hier lassen können - keine Chance hätte ich gehabt, ihm zu folgen. Er steckte mich zum Einstecktuch seines Sakkos, wo ich einen besonders guten Blick auf das dem Ausgang zustrebende Reisevolk bekam. Da wir fast zwei Stunden Zeit hatten von Gare de l‘Est nach Gare d’Austerlitz zu wechseln, entschied sich mein Großer die Strecke zu Fuß zu gehen. Nichts Aufregendes: vom Canal Saint Martin und den sich daran anschließenden Boulevards, über den Pl. de la Bastille, schlussendlich nach dem Boulevard Bourdon noch die Seine überquerend - in einer guten Stunde. Überall chaotische Verkehrsverhältnisse: hupend, zähfließend, nervig; bei einem immer zum Regnen ausschauenden, Wolken tief verhangenen, aber doch trocken bleibenden Himmel.


Angekommen, musste mein Großer erst einmal für „Kleine Jungen“. Fragt mich denn keiner, wie ich das mache? Bleibt ein Geheimnis – lass deiner Fantasie einfach freien Lauf. Ach ja, von einem Baguette Parisien, das Sepp im Bahnhof zu sich genommen hatte, blieben nicht einmal ein paar Krümel für mich übrig. Die Gleisnummer des abfahrenden Zuges nach Montlucon teilte sich schon über die Anzeigentafel digital mit und so stiegen wir in den bereitgestellten Zug ein. Im Halbdunkel, des nur schummrig beleuchteten Waggons, mussten wir unseren reservierten Platz forschend suchen.


„So Joggele, ich muss dich kurz verschwinden lassen“ sagend, wurde ich in die Jackentasche verfrachtet, da schon kurz nach der Ausfahrt die Fahrscheinkontrolle, drei Uniformierte, anrollte. Stress bekam mein Großer, wie ihm, auf Französisch nicht möglich, mit Englisch präzisiert, erklärt wurde, dass er das Ticket am Bahnsteig in den dort aufgestellten Entwerter hätte legen müssen. Mit „merci“ und „okay“ bestätigend gab er zu verstehen, alles nunmehr verstanden zu haben. Mich wieder in die Falten seines Sakkotuches legend, verbrachten wir die nächsten dreieinhalb Stunden, mein Großer lesend und schreibend, ich durchs Fenster in die Landschaft schauend, die Zugfahrt: fruchtbar bleibend, manchmal doch auch schon kleinflächiger werdend, mit einigen Aufenthalten und einem Lokwechsel für das letzte Stück bis Montlucon. In Chateauneuf sur Cher, nach fast drei Stunden Fahrt, schaute auch mein Großer, das Laptop schließend, wieder neugierig nach draußen, in eine abwechslungsreiche, nicht mehr monoton EU-subventionierte, natürlich gewachsene Natur. Das zentrale Paris lag weit hinter uns.


Der Zug kam fast pünktlich in Montlucon an. Ich wieder im Sakkotuch versteckt, verließen wir den auf der Fahrt nach hierher schon leerer gewordenen Waggon. Auf dem Bahnsteig empfing uns der Bruder meines Großen, Jean B.. Sie hatten sich ein paar Jahre nicht mehr gesehen und so viel die Begrüßung mit viel Körpereinsatz aus. Als man mich dabei zu erdrücken drohte, wehrte ich mich mit einem Aufschrei: „Seid ihr verrückt, wollt ihr mich plattmachen?“ Jean erschrak, lockerte die Verbindung und wurde von Sepp in die Geschichte meines Auftauchens eingeweiht. „Bon jour Joggele“, war seine doch sehr überraschte Reaktion darauf. Mit Jeans großem Renault, den dieser unweit des Bahnhofes in der Abholerspur geparkt hatte, fuhren wir in dessen eine knappe Stunde entferntes Chalet; unweit von Pionsat im Departement Puy de Dôme.


Schon beim ersten Ankommen dachte ich mir, dass das hier gefährlich werden konnte: Vingt-quatre der Hofhund, Quarante-sept die Hauskatze, auf der Koppel vor dem Haus Trente cinq, ein Kaltblut und die Ziegen Cinquante quatre und Cinquante-cinq, die mich sicherlich bei einer Begegnung übersehen würden - und dann? Jean hatte, seit sie hier sich sesshaft gemacht hatten, die Tiere die sie hielten nummeriert und aus der fortlaufenden Zahl ergab sich deren Namen. Audrey, Jeans Ehefrau, begrüßte meinen Großen vor dem Haus nicht weniger herzlich, was von mir schon erahnt wurde und mich in eine geschicktere Position bringen ließ. Außerdem war sie einen Kopf kleiner als mein Großer und von daher drohte mir schon nicht eine solche Gefahr, wie bei Jeans Begrüßung. Audrey lud Sepp auch sogleich, nachdem er sich auf seinem Zimmer im ersten Stock etwas frisch gemacht habe, zu einem Abendessen auf der Terrasse ein.


Inzwischen erzählte Jean seiner Ehefrau die Besonderheit des Besuches seines Bruders, dass dieser einen kleinen Gast mitgebracht habe. Fast hätte Audrey das bereits schon fertige Essen auf dem Herd anbrennen lassen, so durcheinander hatte sie die Neugier auf den beschriebenen Begleiter von Sepp gemacht.


Mein Großer erklärte mir, bevor wir wieder nach unten gingen, dass er gleich zu Beginn da unten jetzt mich seiner Schwägerin vorstellen werde. Was sollte ich sagen, war wohl das Beste. Unten angekommen, kam Audrey aber schon auf uns zu und fragte kindlich übertrieben: „wo ist denn unser Joggele?“ Und Sepp zeigte auf das Einstecktuch an seinem Sakko. Weil sie aber nicht ihre Lesebrille aufhatte, blieb ich ihr zunächst verborgen. Mein Großer griff in das Tüchlein und holte mich vorsichtig heraus, setzte mich auf seine Hand und sagte: „das ist Joggele“.


Wir wurden an den Tisch draußen gebeten, wo die Großen sich auf ihre Stühle setzten und ich mich auf dem vor dem Teller von Sepp abgelegten Dessertlöffel. Es entwickelte sich sofort ein lebhaftes Aus- und Abfragen untereinander bei Entrecote vom Charolais-Kalb, Reis und Salat. Zum Abschluss gab es noch eine Joghurtcreme, was Audrey veranlasste Sepp noch einen zweiten Löffel zu besorgen, da ich ja mich auf dem vorhandenen platziert hatte.


Die anfängliche Neugier auf mich hatte sich bald schon gelegt. Irgendwie hatten die Drei, über meinem Kopf hinweg, selbst zunächst sich viel zu erzählen. Da mein Großer für heute aber auch genug hatte und zusehends müder wurde, bat er schon kurz nach dem Abendessen darum, sich zurückziehen zu dürfen. Mich in die Hand nehmend, gute Nacht sagend, gingen wir nach oben. „Gute Nacht, ihr Zwei“, erwiderten Audrey und Jean mit hörbar spitzer Zunge.

Oben angekommen setzte mich Sepp ab und überließ mir das große Zimmer, selbst einen Schafplatz zu finden. Während sich mein Großer derweil noch damit beschäftigte, die heutigen Eintragungen in sein Tagebuch zu machen. Jedenfalls hatte er mein zartes „Gute Nacht“ nicht gehört und nicht erwidert. Sein möglicherweise gesagtes Gute Nacht später, hatte ich aber auch nicht mehr mitbekommen. Für ihn wohl beunruhigender, da er wegen meiner Winzigkeit nicht wusste, wo ich abgeblieben war.





Auszüge aus Zweieinander, erschienen 2014 im Eigenverlag, ISBN 978-3-945380-01-7


… Martin spürte, dass alles irgendwie Belastende nochmals ein darüber Nachdenken bekommen hatte und er sich nun ganz, mit allen Sinnen, auf die vor ihm liegende Strecke einstellen, quasi hineinfallen lassen konnte. Er wusste, dass diese Ausfahrt ihm wieder eine Hilfe war, von vielem Abstand zu bekommen, um dann bei der Rückkehr, beim Nachhausekommen, aus diesem gewesenen „Nur noch sich selbst sein“, Zweisamkeit umso mehr genießen zu können. Dieses allein Unterwegssein, dieses irgendwie leer geworden sein, bekam dann wieder eine Sehnsucht befüllt zu werden. Freute sich wieder auf die häusliche, familiäre Umgebung. …


… Francesca föhnte sich ihr langes Haar und war wieder im Hier und Jetzt angekommen. Sie machte sich fertig für eine Begegnung mit dem Draußen. Sie freute sich, Stuttgart an diesem Sommersonntag erleben zu dürfen. Angeregt durch diesen wunderbaren Tagesbeginn, hier im Hause von Sophie. …


… Johannes kam zurück von seinem frühmorgendlichen, sonntäglichen Spaziergang mit seinen Hunden Jack und Wolf. Und wie jeden Morgen verdichtete er im wahrsten Sinn des Wortes eine ihm begegnete Sinneswahrnehmung in einen kleinen Text, in ein sogenanntes Haiku. Momentaufnahmen in kleine Gedichte zu packen, sie einem schnellen Vergessen so zu entziehen, hatte sich Johannes über Jahre angeeignet. Von ihm über den Tag gemachte Wahrnehmungen, ließen Johannes oft mit der Aufgabe zurück, sie in diese poetische Form zu zwängen. Da hatte sich bei ihm ein gewisser Automatismus eingestellt. Im reflektierten Nachdenken, in kleine Texte hinein formulierend, konnte er Vieles gedanklich ablegen und loslassen. Dadurch, dass er es schriftlich machte, hatte er die Vorstellung eine immer größer werdende Schatzkammer anzufüllen. Woraus es ihm irgendwann dann auch wieder möglich war Momente in einer Art Meditation nochmals zurückzuholen. …   




Fortsetzung in Auszügen


… Parallel zum Albtrauf ging es mit einem herrlichen Blick in das noch flache Remstal und den links und rechts der Straße stehenden Obstbäumen in Richtung Schlossgut Hohenroden. Viola, Martins Frau, drängte im Frühjahr stets darauf, dass sie beide eine Fahrt nach dort machten, wenn die SchlossgARTenschau stattfand. Es war jedes Mal etwas Besonderes, das herausgeputzte Schlossgut zu erleben. Ein ausgewählter Kreis von Ausstellern, Produzenten und Künstlern genoss es sichtlich, ihre Angebote in diesem Ambiente anbieten zu können. Martins Erinnerung erzeugte kurz Bilder in ihm an diese letzte Begegnung mit dem Schlossgut. Heute war dort sonntäglich ruhig. …


Francesca rutsche gedanklich beim Hinausschauen in die Zeit hinein als sie das erste Mal, Ende der fünfziger Jahre, mit ihrer Mutter und ihrem Vater in Deutschland gewesen war. Mit dem Zug kamen sie damals in Stuttgart an. Fast einen Tag lang waren sie von Bologna aus unterwegs gewesen. Heute fährt man diese Strecke in knapp zehn Stunden. Ihr Onkel und ihre Tante hatten sie damals in Stuttgart mit ihrem Daimler abgeholt und mit zu sich nach Waiblingen, wo im gleichen Haus auch die Großeltern wohnten, mitgenommen. Seit dieser Zeit kannte sie Stuttgart und hatte dessen Entwicklung während der regelmäßigen sich anschließenden Besuche, vom Remstal aus, neugierig beobachtet. Francesca hatte auch in Italien Großstädte sich entwickeln gesehen, aber diese deutsche Art des Aufbaus empfand sie einfach anders. …


… Johannes schaute erneut auf die Wanduhr, die in diesem Moment mit ihrem Läutwerk die volle achte Stunde des Tages mitteilte. Über dem Haus war das Fauchen eines Heissluftballons zu hören. Jetzt im Sommer waren diese immer schon am frühen Morgen unterwegs. Auf zehn Uhr wollte Johannes zur Konventmesse in der Klosterkirche von Neresheim sein. Das gab ihm noch eine Stunde Zeit, die gestern gemachten Notizen und Fotos während seines Besuches der Ausstellung „TEXTILES- Künstlerische und angewandte Positionen zu Text und/ oder Textil“ des Kunstvereins KISS im Schloss Untergröningen zu sichten und zu archivieren. Es war ihm immer ein besonderes Anliegen, seine Aufzeichnungen zeitnah zu bearbeiten und auf das Wesentliche zu reduzieren. Wenn es irgendwie ging, bemühte er sich um eine digitale Archivierung. Hatte er selbst als gelernter Schriftsetzer die Digitalisierung in seinem Beruf abgelehnt, so war ihm in Bezug auf Ordnung  diese, die Welt so kompakt verdichtende Datenerfassung, sehr willkommen. …



Fortsetzung in Auszügen


… Martin spürte zusehends, dass er nicht mehr nur der war, der über die Beine dieses mechanische Gerät Fahrrad bewegte, sondern dass er immer stärker eins wurde mit diesem Rad. Es gab nichts mehr zu schalten mit den Gängen, er fuhr schon auf dem kleinsten. Menschliche Herrschaft konnte er seinem Gerät gegenüber nicht mehr ausüben. Martin hatte die subjektive Wahrnehmung, dass er und sein Rad in eine Abhängigkeit zueinander kamen. Seine Beinkraft und die möglichste, kleinste Gangeinstellung, das letzte Angebot der Mechanik, waren nun dazu verdammt, hier hoch zu kommen. Und weil jeder sich aus der sonstigen Bandbreite seiner Möglichkeiten, Radmechanik da und intellektuelle Bedienung dort, verabschiedet hatte, wurde aus Mensch und Rad eine Einheit, die sich in dieser Situation als etwas Neues, Anderes erfuhr. Die momentane Sekunde bekam die absolute Macht über

ihn. …


… Francesca und all die anderen noch im Zug verbliebenen Fahrgäste erhoben sich von ihren Plätzen und strebten dem nächsten für sie erkenn baren Ausstieg zu. Und wie alle, vergewisserte sie sich  durch ein nochmaliges Zurückschauen auf ihren Sitzplatz, ob da nicht doch noch etwas zurückgeblieben war. Es schien aus einer Verlegenheit heraus zu geschehen. Wieder war man zu bald aufgestanden, obwohl man doch wusste, dass der Zug bis zu seinem endgültigen Stopp noch einige Zeit unterwegs sein würde. Zumal der Stuttgarter Kopfbahnhof immer genügend Zeit einräumte, in Ruhe sicher aussteigen zu können. …


… Johannes schaltete das Autoradio an. Auf SWR2 begann gerade die Sendung Sonntagsfeuilleton. In Anlehnung an die vor zwei Tagen begonnenen Olympischen Spiele in London hatte man für heute früh das Thema „Dabeisein ist nicht alles“ gewählt. Pierre de Coubertin, der die Spiele 1880 wiederbelebt hatte, hatte das anders formuliert: „Dabeisein ist alles“. Es folgten verschiedene, durch passende Musik unterbrochene Features zu dieser kritischen Entgegnung. Johannes war durch die sehr interessanten Beiträge jedoch so stark in seiner Außenwahrnehmung eingeschränkt, dass er nach dem zweiten Feature das Radio ausschaltete. Er wollte seine Außenwahrnehmung auf der Fahrt durch nichts abgelenkt bekommen. …   



Fortsetzung in Auszügen


… Er war ähnlich angespannt wie vor dem Anstieg bei Lautern. Nur sollte es jetzt steil, in mehreren Serpentinen nach unten gehen. Und wie bei vorherigen hochfahren schon einmal angedacht, hatte Martin nun Respekt, mit hoher Geschwindigkeit nach unten zu fahren. Das Verkehrszeichen Vorsicht Steinschlag wies ihn auf die Gefahr ja hin, die sich ihm in den Weg legen konnte. Trotzdem genoss er es natürlich ohne viel Körpereinsatz bergab zu rauschen. Lediglich die Pedallage in den Kurven zu ändern und etwas abzubremsen, um dynamisch die Kehren nach unten zu gleiten. Ein großes Insekt flog wie ein Geschoss gegen seine Brille. Was, wenn er jetzt die Brille nicht aufgehabt hätte? Das ganze Gewicht seines Oberkörpers lag auf seinen Unterarmen. Den Kopf soweit zu heben, dass ein Nachvorneschauen möglich war, fiel ihm schwer. Ständig wollte der Kopf aus der ermüdenden Position herausfallen und einfach nur nach unten schauen. Für die Nackenmuskulatur eine ungewohnte Belastung. …


… Noch jedes Mal, wenn sie in der Nähe des Kunstmuseums am Schlossplatz war, versuchte sie in der dortigen Buchhandlung zu schmökern. Für sie als Kunsthistorikerin ein Muss. Das umfangreiche Sortiment, zu allem was den Begriff Kunst zum Inhalt hatte, fand sie einfach fantastisch. Einige Male hatte sie hier auch schon Bücher entdeckt, von deren Existenz sie gar nichts gewusst hatte. Die Versuchung war groß, aber heute beließ es Francesca mit einem nur Durchschauen. Viel mehr kam bei ihr jetzt der Wunsch hinzu, einen Cappuccino trinken zu wollen. … Und so nahm sie neben der Bar an einem kleinen Tischchen Platz. Nachdem man ihr diesen gebracht hatte, der hier immer mit einer kleinen Schnitte Gebäck garniert war, zelebrierte sie gekonnt das Einstreuen eines Löffels Zucker und dessen Verrühren in den mit Milchschaum abgedeckten Kaffee. Cappuccino trinken, ein Ritual für Francesca, das sie beherrschte. Die ersten Schlucke nahm sie auf dem Löffel zu sich und atmete dabei den Duft des frisch gemahlenen Kaffees, der aus der Tasse aufstieg, tief ein. …


… Elvira nahm Johannes in Hinabgehen, auf der Treppe vor der Kirche, seitlich in den Arm. Da sie sich meistens nur einmal in der Woche trafen, war ihr die körperliche Nähe besonders wichtig. Sie wartete nicht darauf bis Johannes auch diese Nähe einforderte, sondern nahm sich ihren Anteil ungefragt. In ihrem Innern sagte eine Stimme: „Johannes, schön, dass du da bist. Ich freue mich auf unser Zusammensein“. Ihr Arm war von dieser inneren Stimme hin zu Johannes geführt worden. Er spürte, dass Elviras Gefühle Gesten suchten und zeigte ihr, durch einen leichten Gegendruck seines Rückens in ihren Arm, dass er ihre Gefühle verstanden hatte. Sie kannten sich jetzt schon so lange und trotzdem brauchte es bei jedem neuerlichen Treffen wieder dieses sich Näherns. Eines sich Versicherns, dass der Andere nun wirklich da war. Ja, sie waren mit Fleisch und Blut, mit all ihrer Lust aufeinander beieinander. Das wollte jedes Mal vorsichtig, fast schüchtern, entdeckt werden. … 



Fortsetzung in Auszügen


  …Vor Laubach, das rechts hinter Bäumen versteckt blieb, hatten Jugendliche ein Ferienzeltlager errichtet und erfüllten die Talaue mit ausgelassener Lebensfreude. Sie schienen gerade mit ihrem Mittagsmahl beschäftigt zu sein; Geschirr klapperte blechern. Martin bog halblinks der Ausschilderung nach Neubronn folgend ab und das Stimmengewirr der Teilnehmer der Sommerfreizeit verhallte langsam wieder. Kurz zuvor war eine Radfahrergruppe, von Laubach kommend, ebenfalls in diese Richtung eingefahren. Diese hatten aber noch mehr Power und der Abstand zwischen ihnen wurde schnell größer. Bald schon war er mit seinen Gedanken wieder ganz bei sich angekommen. …


… Francesca war im Moment die einzige Besucherin der Sonderausstellung. Vielleicht war das aber auch der Grund, der sie herausforderte, das Werk dieses experimentierenden Künstlers mit ihrem Leben in Verbindung zu bringen. Es gab kein Entrinnen, sie verwob ihr eigenes Ich bei Betrachten in die Exponate hinein. Sie wollte herausspüren, dass dieser Cage sicher oft auch ganz einsam einem Establishment gegenüber stand und formulierte diesen Widerstand für sich gedanklich: „Du kannst dich beugen, dann bleibt dein zweites Ich etwas Fremdes für andere, oder du beugst dich nicht und du wirst für die anderen fremd werden; du bleibst aber dich selbst. Dumm nur, wenn man schon Mitte fünfzig ist und eigentlich glaubt, ein fertiger Mensch bereits zu sein“, relativierte Francesca auch gleich schon wieder diese von ihr gedachte Haltung. …


… Johannes legte im Gehen seinen linken Arm um Elviras Hüfte. Ein spontaner Reflex auf ihre Einladung suchte diese körperliche Nähe zu ihr. Ihr Blick ging nun in Richtung Kloster. Schweigend, in dieses Bild hineinschauend, liefen sie nebeneinander. Ihr Gehen wurde langsamer, wie wenn sie darum fürchteten, dass der Blick das Kosterensemble verwackeln könnte. „Von Sommerhitze umgeben/ sich berührend/ Zweieinander“. Es brauchte eine ganze Zeit, bis sie sich aus dieser Wahrnehmung gemeinsamer Nähe und des Schauens auf das Kloster wieder herauslösten. Durch ihr Weitergehen veränderte sich von selbst die Perspektive und andere Gedanken konnten wieder entstehen. Elvira fand die ersten Worte heraus aus dieser Bildmeditation. „Hörst du die Grillen? …



Fortsetzung in Auszügen


… Martin war es im Kochertal immer wichtig, dass er Rückenwind hatte, um auf der flachen Strecke so richtig den Radrennfahrer in sich aufleben lassen zu können. Der Wind kam von Westen und so stemmte er sich, vielleicht auch nur gefühlt unterstützt von diesem, mit aller Kraft in die Pedale. Er fuhr auf Zug und auf Tritt und nahm die am wenigsten Widerstand bietende Haltung auf seinem Rad ein. In solchen Situationen vergaß er ganz die Umgebung. Er schaute nur noch  tief gebeugt auf die unmittelbar vor ihm liegende Straße und regelmäßig auf seinen Tacho. Versicherte sich, dass das Tempo konstant blieb; weniger als eine Drei an vorderster Stelle der digitalen Anzeige wollte er nicht zulassen. Auf dem dann beginnenden Radweg, klingelte er schon immer zeitig die vor ihm wesentlich langsamer fahrenden Radfahrer an, damit er eine freie Fahrt behielt. Irgendwie entwickelte er sich im Kochertal immer zu einer Art Kampfmaschine. (…) Natürlich wollte er auch testen, ob sein neues Rad schneller sei als das alte. Warum kaufte man sich denn sonst eine neue Rennmaschine? ...


… Francesca trat vor das Bahnhofsgebäude, wo schon die Veränderungen für die in zwei Jahren stattfindende Landesgartenschau sichtbar waren. Heute am Sonntag war kaum Verkehr zwischen den neu angelegten Verkehrskreiseln, wo sich an Werktagen immer noch eine Blechlawine durchquälen musste. Der Entlastung bringende Tunnel wird erst im nächsten Jahr eröffnet werden. Und trotzdem war, durch die an der urbanen Landschaft schon gemachten Veränderungen, erkennbar, dass die Tunnelöffnung und die sich anschließende Gartenschau Schwäbisch Gmünd deutlich aufwerten wird. Francesca ging links durch die Unterführung der Bahngleise und hatte von dort nur einen kurzen, aber steil ansteigenden Weg zu laufen, um die Villa zu erreichen. …


… Ihre Körper drehten sich zueinander, sie schauten sich kurz in die Augen, um dann ihre Wangen und ihre Körper sich berührend, gegenüberzustehen. Von der Musik nicht mehr losgelassen, führte Johannes Elvira zunächst im Grundschritt über die Terrasse, um die räumlichen Möglichkeiten ihrer Tanzfläche zu erkunden. Zum Glück hatte die Terrasse keine Geländer, das ihnen in ihrer Bewegung etwas Hinderliches hätte sein können. Elviras linke Hand lag locker auf der rechten Schulter von Johannes. Johannes rechte Hand berührte nur mit der Fläche zwischen Daumen und Zeigefinger Elviras Rücken. Die Musik führte und trug sie. Die Schwerkraft der Erde verlor ihre Wirkung. …



Fortsetzung in Auszügen


… Martin brauchte auf den letzten Metern bis zu seinem Haus keine sich konzentrierende Aufmerksamkeit mehr. Die Gewohnheit lenkte ihn nach dort hin. Bei Absteigen von seinem Rad musste er sich erst an ein Gehen auf dem Boden wieder gewöhnen. Seine Muskulatur hatte sich ganz auf das Radfahren eingestellt und brauchte eine gewisse Zeit der Umstellung. Bei Freizeittriathlons die er schon mitgemacht hatte empfand er diese Übergänge aus den unterschiedlichen Bewegungsabläufen und Belastungen, Schwimmen, Radfahren und dann noch Laufen, immer als das Schwierigste. Mit einem erzwungenen Willen musste er da immer seinen Körper in die neue physische Auseinandersetzung hinein bewegen. …


… Francesca nahm die Zugangstür vom Garten ins Untergeschoss der am Hang liegenden Villa. Angenehm kühl war es dort. Sie musste sich zunächst orientieren, war sie doch noch nie hier in den Kellerräumen des Hauses gewesen. Doch schon über die nächste ihr sich bietende Tür kam sie ins Treppenhaus und hüpfte leicht, ein Ausdruck ihrer momentanen Stimmung, zwei Stockwerke höher. Oben angekommen spürte sie deutlich ihr Herz stärker schlagen. „Was für ein wunderschöner Tag heute; ich spüre mich schon seit Stunden ganz in meinem Körper“, ging es ihr durch den Kopf. …


… Elvira sagte zu Johannes, nur ungern die empfundene Zweisamkeit verlassend, dass sie sich noch ein wenig richten wolle für den Besuch in Lorch. Johannes folgte ihr ins Haus und betrat durch die im Anschluss an die Wohnküche liegende Tür Elviras Atelier. Neugierig versuchte er zu entdecken, was seit seinem letzten Besuch an neuen Objekten hinzugekommen war. In der Mitte des Raumes stand immer das Werkstück, an dem sie gerade arbeitete. Darum herum war es schon schwieriger Veränderungen zu entdecken. Hier standen schon fertige Holzplastiken aber auch erst angefangene – solche die quasi eine Künstlerpause überstehen mussten, bis Elvira wieder Lust und Muse fand, sich an ihnen weiter zu versuchen. …



Aus dem Schluss in Auszügen


… Martin fragte eine ältere Dame in ihrem weißen Kleid und deren jüngere Begleiterin, nach dem Ort der Musikveranstaltung. Beide zeigten sie in die Anlage hinein auf den Kirchturm hin. Dieter bedankte sich mit einem aufgelegten Lächeln, das irgendwie auch sein Wohlwollen den ihnen behilflichen Damen zum Ausdruck bringen wollte. „Waren bestimmt Mutter und Tochter, die sich heute Ausgang genommen haben“, bemerkte Martin im Weggehen. „Wie sie sich schick gemacht hatten; gehen bestimmt auch in das Konzert.“ Schon empfanden sie sich nicht mehr ganz so verloren an diesem Ort. …


… Zwei Männer kamen auf sie zu und fragten nach dem Weg zum Konzert. Sophie ergriff die Initiative und gab ihnen, sich in die Richtung drehend, den Hinweis: „Dort hinten. Rechts in der Kirche.“ …


… Johannes beobachtete, wie eine weiß gekleidete, ältere Dame ihrer jüngeren Begleiterin, welche ihnen ein paar Schritte voraus waren, ihr ganzes Wissen über die hier anzutreffende Pflanzenwelt ausbreitete. Die jüngere Dame in ihrem roten Kleid nickte beeindruckt immer wieder mit dem Kopf und bekundete ihr Interesse an dem Gehörten. …


… „Mein Augapfel ist das südliche Königreich Apulien. Alle irdische Süße überschmeckt die Lieblichkeit seines Landes. Ein Hafen ist es in den Flutungen und unter Dornengestrüpp ein Lustgarten … „



Ende