Schreibwerkstatt

Werner


Mitte Juni                             

 

Überall Rosen

in Beeten und Ranken

beblütete Hecken

betörende Düfte

beatmen

anregend

 

In Linden

ein Summen

das Hören hinlenkt

Bienenflügel

tausendfach Blüten

bestäubend

 

Mauersegler

des Himmels blau

kreischend

durchschneiden

pfeilschnell südliches Flair

verbreitend

 

Wolken sich türmen

aus sommerlicher Hitze

drohen

Herr Gott - verschon unsre Fluren

donnernd und grell

blitzend

 

Endlich Sommer

flirrender Asphalt

kühlendes Wasser aufsuchen

nackte Haut

die Sonne berührt

rötend

 

„Gut siehst du aus!“

dem Urlaub

zuzuschreiben

Gelassenheit entspannte

ein immer so sein

wünschend




Coronare-(Ver)dichtungen


Alle 20 enstandenen (Ver)dichtungen, nachfolgend sind nur einige abgedruckt, habe ich in einer

28-seitigen, von mir illustrierten Broschüre, zusammengefasst. Diese kann ab sofort zu einem Preis von 5 EUR, zzgl. Porto, bei mir angefordert werden.



no. 9

alle, die noch ohne bangen

standen gestern in den schlangen

 

auf dem samstäglichen wochenmarkt

für gemüse, eier, quark

 

zwei schlangen sich dabei verknoteten

das ist doch gerade verbotenen

 

die nähe wurde allzu dicht

doch ein lächeln blieb im gesicht

 

wir müssen einfach noch üben

den abstand stets sicher zu kriegen



no. 8

im meiden  

dem anklopfenden ich

die türe aufmachen

es herein bitten

und umarmen



no. 6

wo möchten sie sich derzeit in urlaub wünschen? an die costa del sol? nein! an die riviera? nein! an die côte d‘azur? nein! ja, wollen sie weiter weg? ans rote meer? nein! an den persischen golf? nein! auf die insel boa vista? nein! noch weiter weg? nach florida? nein! ans great barrier reef? nein! an die copacabana? nein! das gibt’s doch nicht. wo wollten sie dann jetzt am liebsten sein? bei mir daheim auf dem balkon, und die sonne unter einem fliegerfreien himmel genießen.



no. 4 

in die fluchlinien der straßen

verlieren sich meine blicke ins nichts

keiner will sich mir begegnen

flüchtet ins nicht gesehen werden

werde, wenn die plätze sich wieder füllen

ich nicht scheu sein wie ein reh?



no.3                                                                            

zierkirschen

rosa-pinkfarben

vom himmel hinterlegt

stahlbau, klar

mich träumt es

nach irgendwo

corvid 19, das monster

zurücklassend



no. 1

forsythien vorfrühlingshaft epidemisch

blühen sonnentrunken ungeduldig

weiden schon überworfen

mit einem hauch von zartgrün

primeln, narzissen, traubenhyazinthen

weiß, gelb, blau, bunt

lassen sich nicht aufhalten

von der schöpfungskrone not

die ist derzeit coronar pandemisch





Der Bodensee                                                  

 

Wie viele Gedanken

hast du,

See,

schon abgerungen

deinen Gästen? 

 

Wie viele Wünsche

hast du,

See,

gesammelt auf

deinem Grund?

 

Wie viele Sehnsüchte

hast du,

See,

untergehen lassen,

am Horizont?

 

Wie viele Fragen

hast du,

See,

unbeantwortet gelassen

in schwarzen Nächten?

 

Wie viele Male

hast du dir,

See,

dir wieder Platz gemacht,

über dein Ufer schwappend?




Im März das Haus im Garten am Bach  (März*)

 

Schon verpaarte Grünfinken

machen Platz

im Astwerk der

noch lichten Linde

einem klopfend

umherstreifenden Buntspechtpaar

und denen folgen

zwitschernd sich versichernd

verliebte Blaumeisen -

alle vom Frühling getrieben.

 

Doch im Mühlbach

darunter

eine Forelle

im noch winterlich

kalten Fließgewässer steht.

Nichts deutet darin dort

hin - auf Frühling.

Ich bekomme beim Hinsehen

schon einen Schnupfen

und ist nach einem warmen Tee.


* wurde auf Seite 345 in die diesjährige Anthologie "Ausgewählter Werke XXII" der

   Bibliothek Deutschsprachiger Gedichte aufgenommen und abgedruckt.




November-Wochenanfang


Mit sich mir

verblassender Erinnerung an

herbstlich, sammelnder,

lautstark korrespondierender

Graugänse gestern

am See,


fahre ich heute

hinein mit

geputzter Brille in

den mich wieder

vereinnahmenden, urbanen

Arbeits-Alltag;


und der hoch darüber

weiter fliegende,

fliehende Vogelzug

bleibt mir verborgen -

die kreischende Stadt

mich verschluckt.




Ein Sommerkleid


ein warmer wind

die haut berührt

verströmt aus tausend quellen:

dem neuen tag

dem vis à vis

den tönen

und dem licht

den farben

düften

und gedanken

festhalten geht nicht

jetzt, hier, heute

ein sommerkleid

gepunktet, bunt

streift sich mir über




Sommermorgen


Helligkeit schwappt

Über die Ränder der Nacht

Begleitet

Von Vogelgeplapper

Der Vorhang fällt

Die aufgehende Sonne

Ihren Reißverschluss

Öffnet

Für den neuen Tag

Das fast vergessene Gestern




Frühlingsseegang


Auf asphaltiertem Grau

geschreddertem Beige


Quadriertem Sand

in grünen Flächen


Spiegelndes Nass

unter hölzerner Brücke


Balzende Taucher

gehaubt


Gelb stäubende Weiden

sich grüßende Gänger


Gepaarte Gänse, Enten

noch ohne Brut


Durch den fliegerdurchstreiften Himmel

die Wärme der Sonne herab fällt


Nichts geht verloren -

Fotosynthese


Ein Wachsen

bis hin blau, gelb, weiß beblütet


Singvögel und Krächzer

musikalisch untermalen


Die Welt sich lustvoll darin badet -

beatmet




Im Zug-Bistro nach Leipzig auf die Buchmesse


Gesilberte Reiher

Verschmähen das

Aufgebackene Croissant

Im Ex-Niemandsland

Des Kalten Krieges

Wohlstandsgepeppt

Der unberührten Natur

Das Wasser nicht reichend

Ist viel zu kalt

Zum Allerweltskaffee

Die Landschaft

Vom roten Polster

Kinoleinwandig breit

Röhrende Hirsche hörend meinend

Sieben-Zwerge-Land

Schneewittchenverschlafen

Links von mir

Die erzählte Biographie

Eines

langt für zwei Leben

Dem Vis-à-vis

Um die Ohren gehaut  - gekotzt

Rechts

Eine Erbschaft

wird bewertet und verteilt

Privates

Dem öffentlichen Ohr zugemutet

An der Saale hellem Strande

Schiefergedeckt

In Sandstein wechselnd

Sachsen zu




Im in Eiseskälte erstarrten Januar -  ein Sonnenuntergang


Heute

Mich an ein Gemälde

Monet's erinnernd

Hinter eiskalter Luft

Undurchdringlich

Weißgrau

Ein roter Ball

Hindurchscheint

Verabschiedend

Versinkend

In den nahenden Horizont 

Glühend

Alles

Was Orangerot sein kann

In Worte dürftig

Kaum

Nicht zu fassen

Bildschön




Jahreswechsel


Ein weißgetünchtes,

alles ist verschneit,

neues Jahr,

liegt,

als leeres Blatt,

noch unbeschrieben,

vor mir -

dankbar,

das alte verabschiedet.


Respekt

und Zaghaftigkeit

halten mich noch gefangen,

bis wohl

eine Anzahl

darin

hinein gelebter Tage

mich wieder

mutiger werden lassen. 




Frankfurt im September


draußen

vor der stadt

ihr blasses lila schon zeigen

herbstzeitlose


in den klimatisierten bürotürmen

drinnen

die jahreszeiten

nicht existieren


wie am schnürchen

himmelsclipper fraport anfliegen

sich entleeren und wieder befüllen

nach, wer weiß wohin


die spitze des doms

nicht mal die nabel kitzeln

der ihn umzingelnden

verglasten stifte


vertikal ragend

ins dunstige blau

der rushhour

geschuldet


horizontal davor

unbeeindruckt fließend

der main richtung rhein

zwischen promenaden


business, contra drugs

user, und verlierer

frankfurt verteilt, verwaltet und kostet

zahlen mit zig nullen und mehr


äbbelwoi und handkäs

mit, und ohne

gehören zum kulinarischen muss

j.w.v.g. hätte seine freude


manches bleibt

zwischen dem boomenden treiben

also doch, auch in der stadt

im herbst zeitloses




Ein Frühlingsmorgen-Drama


Eine Amsel

quatschte sich

am Morgen

um Kopf und Kragen


Ein Regen

von grau-schwarzen Daunen

über die Eibe

ins Moos hinabfällt


Ein Falke

aus großer Höhe

hatte sie von hinten

erdolcht


Eine Stille trat ein

bis aus Nachbars Garten

das Lied einer Blaumeise

deren Tod beklagte




rambazamba


Reinkommen

Schaulaufen

Umschauend platznehmend

Weihnachtsbäume

Aus der Decke wachsend

Der Schwerkraft gehorchendes

Glänzendes Gehänge

Freundinnen-Tratsch

Ratschen, schwätzen

Ihre Männer

Ihre Partner

Andernorts wissend

Gut aufgehoben

Endlich ohne

Rosenbestellte Tische

Pärchen

Sich in die Augen schauend

„Schön, dass es dich gibt -

Lecker das Frühstück“

Auch mehr?

Noch alleine

Hier

Whatsapp blätternd vertieft

Gesichtsmuskelreagierend

Durch die Chats scrollend

Der Tresen, die Theke

Männerdominiert

Tausend Worte

Ins Unverständliche sich verteilend

Glasfenster reflektiert

Multipliziert

Der Tag fängt gut an

Das Neueste wissend