Margeriten (ein Geburtstagsgruß)


…mit ihren großen, gelben Augen hatten sie mich angeschaut, als Kind. Dem blauen Himmel schon viel näher, als all die anderen Blumen. Pflücke mich, hörte ich eine sagen, mit ihrem Stern aus weißen Blütenarmen. Doch meine Fingerchen vermochten es nicht, sie von ihrem Stiele zu brechen - wehrten sich. Wollten sie mich nur locken, mit ihrer Schönheit kokettieren im tausendfachen Grün der Wiese?  Bis heute liebe ich sie, Margeriten, wenn ich sie in Grüppchen meist ganz unverhofft am Wege entdecke. Durch einen leisen Sommerwind bewegt, sie mir herüberwinken und mein nur Hinschauen sich verliert in Erinnerungen an damals…





"Schwein gehabt"


Tom Rosa wollte, wie jeden Freitag,

von Mainz heimfliegen nach Bonn.

Doch hatte er diesmal sich an der Gate vertan

und landete in Lissabon.


Es kam ihm schon während des Fluges

alles irgendwie spanisch vor.

Jetzt landete er in Portugal,

dem Nachbarland, wo lebte Cervantes.


Vom Flughafen fuhr er mit der gelben Kabelstraßenbahn

ins Herz von Lisboa hinein.

Auf sieben Hügeln die Stadt ist erbaut;

es ging hinauf und hinunter.


In der Confeitaria von Belém,

er probierte die berühmten Pastéis.

Und auch die Hängebrücke über‘n Tejo

unweit von dort er erblickte.


Im Hafen ein Kreuzfahrtschiff angetäut war,

mit Weiterfahrt nach Rotterdam.

Da kam ihm die Idee spontan,

nicht mehr zurückzufahren mit der Tram.


Von dort den Rhein aufwärts,

mit irgendeinem Lastkahn,

käme er doch auch

in Bonn wieder an.


Gedacht – getan,

und den Giganten bestiegen.

Bei ruhiger See auf dem Atlantik nordwärts,

bis nach den Niederlanden.


So hat Tom Rosa, welterfahren wie er war,

aus dem ihm widerfahrenen Malheur,

das Beste gemacht, im wahrsten Sinn des Wortes –

und wieder mal „Schwein gehabt“.


Eine Reiseerzählung in Versform, zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Ich arbeite in meinen Texten gerne mit Tieren, denen ich menschliche Züge verleihe, ähnlich der bei Fabeln. Vorstehend benutzte ich die Figur: Ferkel stehend, der Firma Schleich, die ich tatsächlich in meinem Reisegepäck, während eines Aufenthaltes in Lissabon, hatte.   





Ein Frühlings-Problem


Im Moment ist es schwierig, die richtige Kleidung am Morgen zu wählen - zunächst ist es noch kühl, später scheint dann die Sonne. Wie haben es die Vögel doch gut – die gehen derzeit ausschließlich ihren Frühlingsgefühlen nach: „zizibä, zizibä, zizibä…“. Verliebtheit soll vor Krankheit schützen. Ich bin doch dauerverliebt in meine Frau, wie kann es dann sein, dass es immer noch in meiner Nase kitzelt: „tzi, tzi, tzi“. „Gesundheit!“ „Danke!“ Ich stehe immer noch vor dem Kleiderschrank, und komme nicht wirklich weiter. Draußen dieses unermüdliche: „zizibä, zizibä, zizibä…“. Macht mich ganz nervös. Schiebe die Kleiderbügel von links nach rechts: „fd, fd, fd…“ und von rechts nach links: „sd, sd, sd…“. Greife den leichten Schurwollpullover heraus, nehme ihn vom Bügel und ziehe ihn über.  „Nee, geht gar nicht!“  Ziehe ihn wieder aus und  werde durchzuckt von elektrostatischen Aufladungen: „rpsd, rpsd, rpsd…“. „Jetzt komm doch endlich“, höre ich meine Frau von unten rufen. Die einsetzenden Glocken der nahen Kirche, verstärken diesen Hinweis, dass wir eigentlich schon am Arbeitsplatz sein sollten: „doongg, doongg, doongg…“. Meine Wetter-App zeigt mir an, dass es den ganzen über Tag regnerisch bleibt. Und tatsächlich, ich höre die ersten Tropfen aufs Dachfenster aufschlagen: „tog, tog, tog, tog, tog, tog, tog…“. Hemd, Hose, Sakko - fertig. Ich gehe nach unten. „Na endlich!“ Ziehe die Schuhe an, und drücke noch an der Wohnungstür den elektrischen Garagentorheber: „kreiing, kreiing, kreiing…“. Drücke den Autotüröffner am Fahrzeugschlüssel im Hinausgehen: „zlopp“,  steige ein und fahre das Auto aus der Garage: „tütütütütü…“, erst vorne - Achtung Fahrräder und dann: „tütütütütü“ hinten, wegen der Nähe zur Gartenhecke. „Bist du heute nicht wieder falsch angezogen? Es soll den ganzen Tag regnen. Ledersohlen? - du wirst ja wieder krank“. Ich schalte das Autoradio an: „Weine nicht, wenn der Regen fällt. Dam, dam. Dam, dam. Es gibt einen der zu dir hält…". Endlich jemand, der mich mit meinem Problem versteht.






Strandkorb


Dass das bekommen und finden eines Strandkorbes ein besonderer Vorgang während eines Nordseeaufenthalts ist, erkennt man schon bei der Wahl des Strandkorbanbieters. Neben dessen Dienst-Strandkorb, am Zugang zum Strand, kann schon einmal eine mit Kreide beschrieben Tafel stehen und der Mitteilung darauf: „Am Anfang gehören alle Gedanken der Liebe. Später gehört dann alle Liebe den Gedanken“. Gut, das ist jetzt kein Spruch von diesem selbst, der ist nämlich von Einstein, aber man merkt, dass man jetzt Land betritt, das nicht nur Strandburgen entstehen lässt, sondern auch zur geistigen Erbauung dient.


Also gehen wir es an, und weil wir sparsame, rechnende Gäste vom Festland sind, muss da richtig schönes Wetter sein; so wie heute:

„Bitte einen Strandkorb in der vordersten Reihe - heute ohne Hund!“, das sage ich schmunzelnd, denn es gibt auch einen Strandabschnitt wo Hunde besonders willkommen sind und wir haben ja keinen.

„Und vielleicht nicht ganz schon wieder in Süddorf!“

Der Herr über die Strandkörbe schaut in ein dickes Buch, nimmt einen Feldstecher und schaut in die Ferne durch eines seiner Budenfenster.

„Nur für heute?“, fragt er nach.

„Nur für heute!“, bestätige ich ihm.

„Ja, da hätte ich was in diese Richtung!“

Wir lassen unsere Blicke der angezeigten Richtung folgen, können dort aber nur eine Zusammen-ballung von verschiedenfarbigen Behausungen erkennen.

„Es ist ein weißer Korb mit der Nummer 408, er ist nicht verschlossen, noch ein ganzes Stück hinter der Surfschule, aber ganz vorne!“

Wir bezahlen zwölf EURO, bekommen ein farbiges Stück Papier mit der mit Hand darauf geschriebenen Zahl 408.

Die Spannung wächst, wir bedanken uns, und stapfen durch den tiefen Sand mit unseren Flip Flops in die uns angegebene Richtung. Mit vier Augen wird es doch wohl möglich sein, diesen schnell zu finden. Ist aber nicht so, denn die Dinger stehen kreuz und quer und die Bezifferung steht immer nur auf der Seite des Korbes. Hilfreich, dass wir wenigstens die Farbe wissen. Ja, und dann entdecken wir ihn. Er steht ganz alleine da, hat also schon einmal einen guten Abstand zum Nachbarn - soll ja für manche ganz wichtig sein. Wir nähern uns diesem und drehen ihn mit vereinten Kräften erst einmal in Richtung Sonne. Gar nicht so einfach, denn der wiegt ganz schön. Wie bekommen wir nun das Sperrholzbrett vom Zugang? Mit viel Körpereinsatz, denn hier muss alles der stürmischen Nordsee trotzen und das kann man nicht mit Feinmechanik angehen. Das Brett ist weg und wir schauen auf eine ganze Sanddüne, die sich dahinter angesammelt hat. Mit den Händen schaufeln wir den Sand hinaus, der im Kern noch etwas feucht ist und so in Resten am Kunststoffpolster kleben bleibt – den bekommen wir nur durch unser Bewohnen Korn für Korn nach draußen. Wir stellen fest, dass die grün-weißen Streifen der Innenseite sehr apart wirken. Wir finden es angenehmer wie rot-weiß oder blau-weiß. Jetzt haben wir zwar den Korb in Richtung Sonne gedreht, aber wenn wir hineinsit-zen, werden lediglich unsere Beine und der Bauch von dieser angestrahlt – der Kopf bleibt beschattet. Wir schauen uns die umstehenden Körbe der Nachbarn an und entdecken, dass man da noch irgendetwas kippen können muss. Also raus aus der Hütte nochmals draufgeschaut. Links und rechts sind Haken, die man durch anheben verschieben kann. Jeder von uns nimmt einen in die Hand, man muss auch da wieder wie ein Hufschmid anpacken, und schieben die Haken mit dem nach unten zeigenden Stahlstift bis ins letzte Loch zurück. Und siehe da, der Korb hat sich geneigt und nun bekommen wir, wenn wir die oben noch angebrachte gewellte Jalousie auch noch nach oben weg-drücken Sonne auch in unsere Gesichter. Wir genießen die Zweisamkeit in unserem Strandkorb nach dem Motto: My home is my castle. Die Möwen über uns kreischen, wir sind geschützt vom scharfen Wind und die anbrandende Nordsee übertönt alle anderen Geräusche um uns – einfach schön. Nach einer Weile werden uns die Beine schwer und ich entdecke, dass die unter der Sitzbank angedeuteten zwei Kästen nicht Schubladen, sondern herausziehbare Beinablagen sind. Jetzt ist alles perfekt und wir können die nächsten Stunden uns ganz der Muse hingeben. Denkste, nach einer viertel Stunde wird es uns zu warm vor lauter Wind- und Wetterschutz. Wir stehen auf und machen einen langen Strandspaziergang über den bei Ebbe noch breiter gewordenen Kniepsand:


"Die Wege am Spülsaum/ Wo die Gezeiten an Land treffen/ Nach links und rechts/

Nach Süd oder Nord/ Unendlich scheinend/ In ein Ander?/ In ein Morgen?//


Gen Westen/ In den Wind/ Aufs Meer hinaus/ Meine ausgebreiteten Arme/ Zu Flügeln werden

In ein Gestern?/ Auf eine Schatzinsel der Erinnerungen?"


Das ist jetzt nicht vom Strandkorbvermieter, sondern von mir.





Kniep: 


Liebevoll verkürzte Bezeichnung für ein Amrum prägendes Küstenlandschaftsbild. Zunächst versteckt hinter den Dünen im Westen. Bei Wittdün, eine bis an den Horizont hin sich erstreckende Sandfläche – unwirklich. Sollen wir sie betreten, diese unüberschaubare Wüste? Irgendwo da draußen soll sie begrenzt sein, soll die Brandung der Nordsee daran schlagen. Die Neugier treibt uns, wir beginnen zu laufen, suchen einen Punkt in der Ferne, um uns zu orientieren. Kleine Erhebungen, mit Strandhafer bewachsen, wehren sich gegen den unablässigen Wind, auch noch fortgetragen zu werden. Wellen gleich, der trockene Sand über die Fläche getragen wird und sich heller zeigt, wie die noch mit Nässe durchtränken Stellen. Wo sich unter Muschelresten oder anderen auf dem Sand liegenden Dingen eine Restfeuchtigkeit gehalten hat und darum herum der Wind den Sand getrocknet und weggeweht hat, bekommen die Teile Füßchen und ragen grotesk aus dem Untergrund heraus, fast schwebend. Über unsere Ohren legen sich, wie mit einem Kopfhörer, die Brandungs- und Starkwindgeräusche. Kein anderes Geräusch daneben nehmen wir mehr wahr. Gesprochenes wird von den Lippen verblasen und über die Weite hinter uns weggetragen; erreicht nicht das gewünschte Ohr. Hundert Spuren führen schon über den Sand und trotzdem legt jeder seine eigene, will seinen Weg gegangen sein - Platz dazu ist da. Wir glauben es schon nicht mehr, am Horizont ist ein schmaler Streifen Meer zu erkennen; ungefähr die Hälfte des Weges ist gegangen. Jetzt gibt es kein Zögern mehr, jetzt wollen wir auch noch bis dahin kommen, der Nordsee ansichtig werden. Weiter Sand, Wind, das näher kommende, sich noch verstärkende Brandungsgeräusch und links und rechts Ansammlungen von rastenden Möwen - Schritt für Schritt. Dann, nach fast einer halben Stunde, ist es soweit, das Meerwasser kommt uns am von Muscheln übersäten Spülsaum entgegen. Ein ganz dichtes Gefühl steigt in uns hoch: zwischen dem durchwanderten Niemandsland und dem vor uns liegenden, unüberwindbaren Meer. Auf Sicht ist niemand mehr zu erkennen, nur noch du und ich - man möchte hierbleiben.






Der weihnachtliche Gugelhupf


Das ganze Jahr über war ich gut genug gewesen. Immer, wenn es einen festlichen Anlass in der Familie gab, holte man mich aus dem Küchenschrank und brachte den vorbereiteten Teig durch mich in Form. Auf einem Hallenflohmarkt hatten sie mich im Frühjahr entdeckt und  nach Hause mitgeschleppt; nachdem ich zuvor jahrelang auf einem Speicher achtlos in einem Karton gelegen hatte. Ob Rührteig, manchmal schwarz-weiß, oder Hefeteig mit Rosinen und Mandeln, oder herzhaft mit Schinken und Pistazien zum Wein, ich war die, die der zusammengeschlagenen Masse zu einem gebackenen Aussehen verhalf.


    Im Winter, als die Tage immer kürzer wurden, hatte ich jedoch den Verdacht, dass man mich außen vor ließ, nichts von mir wissen wollte. Das Geräusch war wie sonst auch, die Küchenmaschine teilte ihr eintöniges, unermüdliches Drehen mit, aber die Tür zum Küchenschrank, worin man mich abgestellt hatte, öffnete sich nicht. Das Hören des schlagen und klappern der sonstigen Küchengeräte war für mich, in der Abgeschiedenheit meiner Behausung, fast unerträglich. Nichts war zu machen, mein Türchen blieb zu. Und auch der Duft, der zu mir durch einen Spalt hereinströmte, war unverkennbar; es wurde gebacken. Wie sollte das ohne mich gehen?


   Unermüdlich ging das so - über Tage. Ich muss allerdings zugeben, dass die betörenden Düfte mich fast bewusstlos machten und auch etwas Beruhigendes hatten. Zimt, Koriander, Nelken und auch Rum roch ich heraus. Und im Hintergrund lief stets eine stimmungsvolle Musik, die sich von den mir sonst zu Ohren kommenden Alltagsrhythmen deutlich unterschied.


  Was war das? Hörte ich da nicht eine mir vertraute Stimme, wie sie zu schimpfen begann? „Der Stollenteig will einfach nicht in Form bleiben, was mache ich nur?“ Form, das war das Stichwort, das mich aus meinen Träumen hervorholte; mein Herz schlug deutlich schneller. Das Türchen ging auf und ich fiel der mich greifenden Hand vor Aufregung schon ein Stück entgegen. „Dann gibt es dieses Jahr eben einen Stollenteiggugelhupf!“ Erkennbar erleichtert stellte mich die Bäckerin vor sich hin. Mit einem immer wieder Margarine aufnehmenden Pinsel wurde ich wie gewohnt ganz penibel Welle um Welle bis in die feinsten Ritzen hinein eingefettet. Der auf einem Backbrett schon wieder davongelaufene Stollenteig wurde in zwei Hälften zerteilt und sodann in mich hineingehievt. An den Verbindungsstellen drückten und kneteten mich der Daumen und der Zeigefinger der rechten Hand der Bäckerin zusammen, während die linke mich im Kreise drehte.


   Wie gewohnt wurde ich vor dem Hineinstellen in den Backofen nochmals für eine Viertelstunde ruhend gestellt. Und jetzt konnte ich mit eigenen Augen sehen, was da in den letzten Tagen alles entstanden war. Noch offene Büchsen mit ganz unterschiedlichen Plätzchen zeigten sich mir und lüfteten das Geheimnis des mir bis dahin nicht erklärbaren Treibens in den letzten Tagen. Der Backofen war auf 180 Grad vorgeheizt und man stellte mich in diesen hinein. Schon bald kroch der in mich hineingelegte Teig an meiner emaillierten Wand Stück für Stück höher; er hatte keine Chance in die Breite zu fließen. An meinem oberen Rand angekommen, hatte sich schon eine feste Kruste gebacken und das noch weichere Innere wurde dadurch zusammengehalten.


   Immer wieder schaute die Bäckerin durch die Scheibe des Backofens herein und freute sich sichtlich über das gelingende Backwerk. Ich glaube, dass ich mich ob dieses Noteinsatzes besonders geschickt anstellte, damit aus dem vermeintlichen Malheur doch noch etwas Gescheites herauskommen sollte. Nach einer Dreiviertelstunde holte man mich heraus und mittels eines in den Teig hineingesteckten Holzstäbchens geprüft, ob der Kuchen auch in seinem Innern schon gut durchgebacken sei. Perfekt! Der Ofen wurde ausgeschaltet und man stellte mich ein paar Minuten zum Abkühlen auf die Seite. Dann kam der spannende Moment, wo ich meines Inhaltes entledigt werden sollte. Überall gut durchgebacken, an keiner Stelle an mir haften geblieben, lag er nun da, der Stollengugelhupf - vielleicht eine Weltpremiere.


   Ich war zufrieden. Zum einen konnte ich mir nun die Geheimniskrämerei erklären, der ich im finsteren Schrank ausgesetzt gewesen war und zum anderen hatte ich mich aufgedrängt, auch in dieser Jahreszeit gebraucht zu werden. Meiner Bäckerin wünschte ich anerkennende Komplimente wegen ihres Mutes, auch an Weihnachten einen Gugelhupf zu präsentieren. Und vielleicht erzählte sie dann allen neugierig gewordenen die Geschichte, dass der von ihr so sorgfältig zusammengeschlagene Teig durch mich gerettet worden war und es so nun eine weitere Variante dieser Form, einen Weihnachtstollengugelhupf, gibt.